{"id":14435,"date":"2017-04-11T11:00:00","date_gmt":"2017-04-11T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/omnesmag.com\/?p=14435"},"modified":"2025-11-28T12:50:54","modified_gmt":"2025-11-28T10:50:54","slug":"rilke-und-der-junge-dichter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.omnesmag.com\/de\/actualidad\/cultura\/rilke-y-la-joven-poeta\/","title":{"rendered":"Rilke und der junge Dichter"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buch, das ich seit Jahren am h\u00e4ufigsten Studenten gebe, die mich fragen, wie sie schreiben lernen k\u00f6nnen, ist das Werk von Rainer Maria Rilke (1875-1926). <em>Briefe an einen jungen Dichter<\/em>urspr\u00fcnglich 1929 ver\u00f6ffentlicht. Dieser Band versammelt die zehn Briefe, die Rilke zwischen dem 17. Februar 1903 und dem 26. Dezember 1908 an den jungen Franz Xaver Kappus, damals Student an der Wiener Milit\u00e4rakademie, schrieb. Vor einigen Jahren schenkte ich dieses Buch der jungen Dichterin Ana Gil de Pareja, und ich freue mich, heute auf diesen Seiten etwas von dem wiederzugeben, was sie mir nach ihrer ergreifenden Lekt\u00fcre des Buches schrieb:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\"Ich begann zu lesen <em>Briefe an einen jungen Dichter<\/em> Ich war in Gedanken versunken und habe Seite f\u00fcr Seite unterstrichen, was mein Herz ber\u00fchrt hat. Es ist ein Buch, das man immer wieder liest, wenn das Leben an mehr als einem Teil von uns zerrt, wenn wir verzweifelt sind, wenn wir qu\u00e4lende Einsamkeit empfinden oder wenn wir einen guten Rat brauchen, der in die Tiefen der Seele vordringt. Das ist es, was ich an diesem Buch von Rilke am meisten bewundere: dass das, was dem jungen Dichter mit jenen Briefen helfen konnte, die Tiefe eines heutigen Lesers ber\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit seinen Briefen gelingt es Rilke, die Unruhe des zuk\u00fcnftigen Schriftstellers nicht durch \u00dcberredung, sondern durch Belehrung zu wecken. Er versteht es meisterhaft, die Leidenschaft von Kappus' literarischer Berufung zu wecken und ihm das Vergn\u00fcgen zu zeigen, \u00fcber das hinaus zu sehen, was viele sehen, d.h. die Sch\u00f6nheit des Gew\u00f6hnlichen zu entdecken. <em>\"Wenn du dein t\u00e4gliches Leben als arm empfindest, beschuldige es nicht, sondern gib dir selbst die Schuld, sage dir, dass du nicht poetisch genug bist, um seinen Reichtum zu entdecken. F\u00fcr den wahren Sch\u00f6pfer gibt es keine Armut und keine Gemeinpl\u00e4tze\".<\/em> (p. 24). Mit seinen Briefen lenkt Rilke die Aufmerksamkeit des jungen Mannes auf das, was wirklich wichtig ist. Und in gewisser Weise hat er auch meine Entdeckung dessen, was wirklich wertvoll ist, gef\u00f6rdert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das gro\u00dfe Gedicht mag nicht jedem gefallen, aber unsere Seelen sind nicht sehr verschieden voneinander. Wir alle haben \u00e4hnliche Schmerzen erlitten, denn wir alle tragen auf die eine oder andere Weise die gleiche Haut. Es ist der Dichter, der die Empfindungen, die er wahrnimmt, zu beschreiben wei\u00df, der sein Aussehen, seinen Geruch, seine Reaktionen auf seine Umgebung, seine Wunden und Narben beschreibt... Er ist derjenige, der aus dem rohen Gew\u00f6hnlichen ein echtes Juwel macht; der Dichter ist wie ein <em>Poliermaschine<\/em> der Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Aufgabe des Polierers besteht darin, alle Spuren zu beseitigen, die w\u00e4hrend der Herstellung auf dem Schmuckst\u00fcck hinterlassen wurden. Er muss darauf achten, dass er die ihm anvertrauten Schmuckst\u00fccke mit gr\u00f6\u00dfter Sorgfalt behandelt. Geduld ist auch eine notwendige Eigenschaft bei dieser Arbeit, da die Fertigstellung des Schmucks sehr zeitaufwendig sein kann. Er braucht also nicht nur das n\u00f6tige Geschick und die Pr\u00e4zision bei der Ausf\u00fchrung, sondern vor allem den gro\u00dfen Wunsch, seine Arbeit zu einem Kunstwerk zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Simone Weil schrieb, dass die Intelligenz nur durch das Verlangen bewegt werden kann, und ich glaube, dass Rilke die Arbeit des Dichters so versteht. Der wahre Dichter schreibt nicht, weil er mit einer Feder in der Hand geboren wird, sondern weil in ihm ein gro\u00dfer Wunsch und ein tiefes Bed\u00fcrfnis zu schreiben geboren wird. Das Werk eines K\u00fcnstlers entsteht, weil er sein Werk wirklich schaffen will, weil es aus der Tiefe seines Wesens geboren wird, um es zum Leben zu erwecken, um denjenigen, die es betrachten, Leben zu geben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich diese Seiten las, sp\u00fcrte ich, dass es meine gro\u00dfe Illusion war - wie Kappus - ein gro\u00dfer Dichter zu sein. Aber woher sollte ich dann wissen, ob die Poesie <em>meine Sache<\/em>? <em>Fragen Sie sich in der ruhigsten Stunde Ihrer Nacht: \"Habe ich die <\/em>brauchen<em> des Schreibens? Tauchen Sie tief in Ihr Innerstes, um eine Antwort zu finden. Und wenn Sie diese Frage bejahen, wenn Sie in der Lage sind, diese ernste Frage mit einem einfachen und durchschlagenden 'Ja, ich muss' zu beantworten, dann bauen Sie Ihr ganzes Leben auf dieses Bed\u00fcrfnis auf\".<\/em> (p. 23). Sogar die ber\u00fchmte S\u00e4ngerin Lady Gaga hat sich diesen Satz in der Originalsprache auf den linken Arm t\u00e4towieren lassen. Er stammt aus dem ersten der Briefe und zeigt in besonderer Ausf\u00fchrlichkeit, worauf ich hinauswollte. Meine Texte m\u00f6gen nicht besser sein als die der gro\u00dfen Schriftsteller, aber sie sind ein St\u00fcck und eine Stimme meines eigenen Lebens. Daher musste ich mich fragen, ob es meine Pflicht war, meine Stimme zu erheben, damit sie geh\u00f6rt werden konnte, denn niemand sonst w\u00fcrde in der Lage sein zu sagen <em>was ich der Welt zu sagen hatte<\/em>. Meine Worte waren und werden einzigartig und unwiederholbar bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts dieser Entdeckung ist die Seele eines rastlosen Schriftstellers nicht gleichg\u00fcltig. Dieses Buch hat meine Illusion gen\u00e4hrt, den Reichtum des Gew\u00f6hnlichen zu zeigen, der Welt die gro\u00dfen Geschichten zu erz\u00e4hlen, die noch nicht erz\u00e4hlt wurden, weil sie noch niemand entdeckt hat. Geschichten, die schon lange zu uns geh\u00f6ren und die, wenn wir sie zum Leben erwecken, auch anderen geh\u00f6ren k\u00f6nnen. Kurzum, ich entdeckte, dass meine Berufung das Schreiben war, denn die Sch\u00f6nheit lag nicht nur in meinen Schriften, sondern vor allem in ihrem Zweck, d. h. in dem, was sie bei denjenigen, die sie lesen, ausl\u00f6sen. Ich habe verstanden, dass diese Wirkung in jeder einzelnen Seele entsteht: Der Erfolg eines Schriftstellers liegt in der Authentizit\u00e4t seiner Seele und darin, wie es ihm gelingt, sie der Welt auf transparente Weise zu zeigen, ohne Schatten oder Kontraste. Der gro\u00dfe Dichter hat nicht deshalb Erfolg, weil er hervorragende Dinge schreibt, sondern weil er seine eigene \u00dcberzeugung an diejenigen weitergibt, die in der Lage sind zu glauben, was er glaubt. \u00dcberzeugungen und tiefe, einzigartige und unwiederholbare Ansichten, die die Welt versch\u00f6nern: das ist es, woran der junge Dichter arbeitet\".<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So viel zu dem, was mir die junge Dichterin Ana Gil de Pareja schrieb. Wegen dieses sch\u00f6nen Zeugnisses - und wegen so vieler anderer, die ich im Laufe der Jahre gesammelt habe - scheint es mir lohnenswert, auch heute noch die Lekt\u00fcre dieses Buches zu empfehlen. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Desde hace a\u00f1os el libro que regalo con m\u00e1s frecuencia a los estudiantes que se me acercan para preguntarme c\u00f3mo aprender a escribir es la obra de Rainer Maria Rilke (1875-1926) Cartas a un joven poeta, publicada originalmente en 1929. 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