{"id":27609,"date":"2023-01-05T06:00:00","date_gmt":"2023-01-05T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/omnesmag.com\/?p=27609"},"modified":"2025-11-07T10:48:38","modified_gmt":"2025-11-07T08:48:38","slug":"benedict-xvi-die-stimme-der-ethischen-vernunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.omnesmag.com\/de\/actualidad\/benedicto-xvi-la-voz-de-la-razon-etica\/","title":{"rendered":"Benedikt XVI. Die Stimme der ethischen Vernunft"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Joseph Ratzinger (1927-2022) f\u00fchlte sich von Jugend an zur Wissenschaft berufen. Als Johannes Paul II. ihn 1977 zum Erzbischof von M\u00fcnchen und Freising ernannte, fiel es ihm schwer, seinen Lehrauftrag an der Universit\u00e4t Regensburg aufzugeben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einige Zeit sp\u00e4ter, 1982, wurde er nach Rom berufen, um mit dem polnischen Papst als einer seiner engsten Mitarbeiter zusammenzuarbeiten. Er akzeptierte, aber es war keine leichte Entscheidung. Mehrmals bat er darum, von seinen Aufgaben im Vatikan entbunden zu werden, und Johannes Paul II. best\u00e4tigte ihn in seinem Amt: Er brauchte ihn in seiner N\u00e4he, bis zum Ende.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Wojtylas Tod wurde der 78-j\u00e4hrige ehemalige Regensburger Professor am 19. April 2005 zum 264. Nachfolger des Heiligen Petrus ernannt. Er w\u00e4hlte den Namen Benedikt, in symbolischer Kontinuit\u00e4t mit Benedikt XV., der in den turbulenten Zeiten des Ersten Weltkriegs den Vorsitz in Rom \u00fcbernommen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Unglaubliche wahr werden zu sehen, war ein Schock f\u00fcr ihn: \"Ich war davon \u00fcberzeugt, dass es bessere und j\u00fcngere gibt\". Aus einer tiefen Dimension des Glaubens heraus \u00fcberlie\u00df er sich Gott. \"Ich musste mich langsam mit dem vertraut machen, was ich tun konnte, und ich beschr\u00e4nkte mich immer auf den n\u00e4chsten Schritt\", erkl\u00e4rte er Jahre sp\u00e4ter mit Leichtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der Er\u00f6ffnung seines Pontifikats spielte Benedikt XVI. auf diejenigen an, die in den W\u00fcsten unserer Zeit umherirren: \"die W\u00fcste der Armut, die W\u00fcste des Hungers und des Durstes; die W\u00fcste der Verlassenheit, der Einsamkeit, der zerbrochenen Liebe (...), der Dunkelheit Gottes, der Leere der Seelen, die sich der W\u00fcrde und der Ausrichtung des menschlichen Wesens nicht mehr bewusst sind\". Von diesem Tag an bis zu seinem R\u00fccktritt am 28. Februar 2013 stellte er seine enorme intellektuelle Kraft in den Dienst des ihm erteilten Auftrags. Er besuchte bei 24 Gelegenheiten verschiedene Teile der Welt. Jede Reise war f\u00fcr ihn eine gro\u00dfe Anstrengung: \"Sie haben mir immer viel abverlangt\", r\u00e4umte er schlicht ein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Papst Lehrer<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcnf Jahre nach der Wahl gab er dem Journalisten Peter Seewald ein ausf\u00fchrliches Interview, das unter dem Titel Licht der Welt ver\u00f6ffentlicht wurde. Das Gespr\u00e4ch deckt ein breites Spektrum von Themen ab, darunter das Pontifikat, die Krisen der Kirche, Wege in die Zukunft, die heutige Gesellschaft und die Kulturlandschaft im \u00dcbergang vom 20. zum 21. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was seine Mission als Papst betrifft, so m\u00fcsse er sich sehr auf seine Mitarbeiter verlassen und ihnen vieles \u00fcberlassen, um sich auf das Konkrete zu konzentrieren: \"die innere Vision des Ganzen zu bewahren, die Besinnung, aus der dann die Vision des Wesentlichen entstehen kann\".<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Johannes Paul II. war in vielerlei Hinsicht ein Gigant. Allein durch seine Anwesenheit, seine Stimme und seine Gesten hatte er eine gro\u00dfe Medienresonanz. Die Pers\u00f6nlichkeit des deutschen Papstes war anders: \"Sie haben nicht unbedingt die gleiche K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe und auch nicht die gleiche Stimme, war das ein Problem\", fragte ihn Seewlad. Die Antwort zeigt Zweifel an seiner Ausdauer: \"Manchmal mache ich mir Sorgen und frage mich, ob ich rein k\u00f6rperlich gesehen bis zum Ende durchhalten kann. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus dieser einfachen Haltung heraus war er entschlossen, seinen Auftrag zu erf\u00fcllen: \"Ich habe mir einfach gesagt: Ich bin so, wie ich bin. Ich versuche nicht, jemand anderes zu sein. Was ich geben kann, gebe ich, und was ich nicht geben kann, versuche ich auch nicht zu geben. Ich versuche nicht, etwas aus mir zu machen, was ich nicht bin, ich bin auserw\u00e4hlt worden - die Kardin\u00e4le sind dessen schuldig - und ich tue, was ich kann\".<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als der Journalist ihn nach einem Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis des Pontifikats fragte, verwies er auf seine akademische Berufung: \"Ich denke, da Gott einen Professor zum Papst gemacht hat, wollte er genau diesen Aspekt der Reflexivit\u00e4t und insbesondere den Kampf um die Einheit von Glaube und Vernunft in den Vordergrund stellen\".<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Pontifikat der Vernunft<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine sieben Jahre und zehn Monate an der Spitze der katholischen Kirche werden als ein Pontifikat der Vernunft in die Geschichte eingehen. Bei der Erf\u00fcllung seines Auftrags folgte er dem Rat des Philosophen J\u00fcrgen Habermas (D\u00fcsseldorf, 1929) auf dem Kolloquium, das sie im Januar 2004 in M\u00fcnchen abhielten: Vorschl\u00e4ge zu machen, die von der breiten \u00d6ffentlichkeit verstanden werden k\u00f6nnen. Der Dialog zwischen den beiden Intellektuellen \u00fcber die \"vorpolitischen moralischen Grundlagen des liberalen Staates\" liegt hinter ihnen, aber die gegens\u00e4tzlichen Ideen sind so aktuell wie eh und je.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seinen Reden versuchte er, zur Verinnerlichung der Ideen beizutragen, indem er seinen Gespr\u00e4chspartnern Fragen und Argumente \u00fcber den gro\u00dfen Schatz des Menschseins und \u00fcber die geistige Umgestaltung der Welt zug\u00e4nglich machte: \"Das ist die gro\u00dfe Aufgabe, vor der wir in dieser Zeit stehen. Wir k\u00f6nnen nur hoffen, dass die innere Kraft des Glaubens, die im Menschen vorhanden ist, dann auch in der \u00d6ffentlichkeit wirksam wird, das Denken auf der \u00f6ffentlichen Ebene pr\u00e4gt und die Gesellschaft nicht einfach in den Abgrund st\u00fcrzen l\u00e4sst\". Er bestand darauf, dass der Mensch einer h\u00f6heren Norm unterliegt. Es sind genau diese Anforderungen, die ein gr\u00f6\u00dferes Gl\u00fcck erm\u00f6glichen: \"Nur durch sie erreichen wir die H\u00f6he, und nur dann k\u00f6nnen wir die Sch\u00f6nheit des Seins erfahren. Ich halte es f\u00fcr sehr wichtig, dies zu betonen\".<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er war der festen \u00dcberzeugung, dass das Gl\u00fcck eine Herausforderung und ein Ziel ist, das f\u00fcr alle erreichbar ist, aber er muss den Weg dorthin finden: \"Das Menschsein ist wie eine Bergtour, bei der es einige beschwerliche Abfahrten gibt. Aber wenn wir den Gipfel erreichen, k\u00f6nnen wir zum ersten Mal erleben, wie sch\u00f6n es ist, dort zu sein. Dies zu betonen, ist f\u00fcr mich von besonderem Interesse\". Bequemlichkeit ist weder die beste Art zu leben, noch ist Wohlbefinden der einzige Inhalt des Gl\u00fccks.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Von modernen areopagi<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Benedikt XVI. scheute sich nicht, komplizierte Themen anzusprechen, und warf Fragen immer auf positive Weise auf. Mit seinen Argumenten \u00fcber die Natur und das Schicksal des Menschen und die moralischen Anforderungen der Gesellschaft setzte er hohe Ma\u00dfst\u00e4be. Die verschiedensten Bereiche der zeitgen\u00f6ssischen Gesellschaft \u00f6ffneten ihm ihre T\u00fcren, was gro\u00dfen Einfluss auf die \u00f6ffentliche Meinung hatte. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe eine unausl\u00f6schliche Erinnerung an seine Worte in <a href=\"https:\/\/www.vatican.va\/content\/benedict-xvi\/es\/speeches\/2006\/may\/documents\/hf_ben-xvi_spe_20060528_auschwitz-birkenau.html\">Auschwitz<\/a> (2006) \u00fcber das Schweigen Gottes, das ich mir anh\u00f6rte, w\u00e4hrend ich sein leidendes Gesicht aus n\u00e4chster N\u00e4he betrachtete. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im selben Jahr wurde er an seine ehemalige Alma Mater eingeladen, l<a href=\"https:\/\/www.vatican.va\/content\/benedict-xvi\/es\/speeches\/2006\/september\/documents\/hf_ben-xvi_spe_20060912_university-regensburg.html\">Die Universit\u00e4t Regensburg<\/a>. Er widmete seinen Vortrag der Erl\u00e4uterung des Verh\u00e4ltnisses zwischen Religion und Vernunft. In der Rede, die er f\u00fcr die Er\u00f6ffnung des akademischen Jahres an der Universit\u00e4t La Sapienza (2008) in Rom vorbereitet hatte, fragte er sich, was ein Papst in einer \u00f6ffentlichen Universit\u00e4t sagen k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er ging auf die Entstehung der mittelalterlichen Universit\u00e4t als Reflexion \u00fcber die Wahrheit der Person in verschiedenen Disziplinen ein. Die Grundlagen der Menschenrechte standen im Mittelpunkt seiner Rede vor der UN-Generalversammlung (2008), und in der <a href=\"https:\/\/www.vatican.va\/content\/benedict-xvi\/es\/speeches\/2008\/september\/documents\/hf_ben-xvi_spe_20080912_parigi-cultura.html\">Coll\u00e8ge des Bernardins de Paris <\/a>teilte die Quellen der europ\u00e4ischen Kultur mit der franz\u00f6sischen Intelligenz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch der Besuch von Benedikt XVI. im Vereinigten K\u00f6nigreich im September 2010 hatte eine unbestreitbare politische Dimension. Ein ganz besonderer Moment war <a href=\"https:\/\/www.vatican.va\/content\/benedict-xvi\/es\/speeches\/2010\/september\/documents\/hf_ben-xvi_spe_20100917_societa-civile.html\">seine Rede in der Westminster Hall,<\/a> wo er sich an die britische Gesellschaft im \u00e4ltesten Parlament der Welt wandte: 1800 G\u00e4ste, die die politische, soziale, akademische, kulturelle und gesch\u00e4ftliche Welt des Vereinigten K\u00f6nigreichs vertraten, sowie das diplomatische Korps und die Mitglieder der beiden H\u00e4user des Parlaments, Lords und Commons. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An dem Ort, an dem der Lordkanzler Thomas More 1535 vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt worden war, wurde er herzlich empfangen. Im Bewusstsein des Augenblicks und des Umfelds betonte er in seiner Rede die Bedeutung des st\u00e4ndigen Dialogs zwischen Glaube und Vernunft sowie die Rolle der Religion im politischen Prozess.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Quellen der europ\u00e4ischen Kultur<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im darauffolgenden Jahr sprach er anl\u00e4sslich seines Besuchs in Deutschland vor dem Bundesparlament im <a href=\"https:\/\/www.vatican.va\/content\/benedict-xvi\/es\/speeches\/2011\/september\/documents\/hf_ben-xvi_spe_20110922_reichstag-berlin.html\">Berliner Reichstag.<\/a> Von diesem symboltr\u00e4chtigen Ort aus sprach er \u00fcber die ethischen Grundlagen der politischen Optionen, der Demokratie und des Rechtsstaats. Er sprach \u00fcber die Justiz und den politischen Dienst mit ihren Zielen und Grenzen. In seinem scholastischen Stil stellte er Fragen und gab Antworten: \"Wie k\u00f6nnen wir erkennen, was gerecht ist, wie k\u00f6nnen wir zwischen Recht und Unrecht, zwischen wahrem Recht und nur scheinbarem Recht unterscheiden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er erkl\u00e4rte, dass sich die westliche Kultur, einschlie\u00dflich der Rechtskultur, in einem humanistischen Humus entwickelt hat, der alles durchdringt, auch die Bereiche, die als nicht streng religi\u00f6s gelten. Sie war eine Folge der gemeinsamen Quellen der europ\u00e4ischen Kultur, die sowohl die Aufkl\u00e4rung als auch die Erkl\u00e4rung der Menschenrechte von 1948 gepr\u00e4gt hatten. Doch in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts habe sich die kulturelle Situation ver\u00e4ndert, auf die es zu reagieren und die Vernunft aus ihrer Selbsteinschlie\u00dfung zu befreien gelte: \"Wo die ausschlie\u00dfliche Dom\u00e4ne der positivistischen Vernunft herrscht - und das ist bei unserem \u00f6ffentlichen Gewissen weitgehend der Fall - sind die klassischen Erkenntnisquellen des Ethos und des Rechts au\u00dfer Kraft gesetzt\". Es bestehe die dringende Notwendigkeit, eine \u00f6ffentliche Debatte zu diesem Thema zu er\u00f6ffnen, und er r\u00e4umte ein, dass dies das Hauptziel seiner Rede im Reichstag gewesen sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der p\u00e4pstliche Lehrer sprach stets sanft, respektvoll und mit intellektueller Strenge. An jedem dieser Orte diskutierte er \u00fcber das, was f\u00fcr andere von Interesse war, unabh\u00e4ngig von ihrer Ideologie, ihrem Glauben oder ihrem politischen Status. Er hat seine Vorschl\u00e4ge zu den Zielen und Aufgaben einer menschenw\u00fcrdigen Gesellschaft stets gr\u00fcndlich durchdacht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joseph Ratzinger (1927-2022) sinti\u00f3 profundamente desde su juventud una vocaci\u00f3n acad\u00e9mica. Cuando en 1977 Juan Pablo II le nombr\u00f3 arzobispo de M\u00fanich y Freising, le cost\u00f3 dejar su labor docente en la universidad de Ratisbona. 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