{"id":27687,"date":"2023-01-08T06:00:00","date_gmt":"2023-01-08T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/omnesmag.com\/?p=27687"},"modified":"2025-11-28T13:46:17","modified_gmt":"2025-11-28T11:46:17","slug":"freiheit-unversehrtheit-und-vernunft-in-der-benedikt-xvi-lehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.omnesmag.com\/de\/recursos\/libertad-santidad-y-razon-en-la-ensenanza-de-benedicto-xvi\/","title":{"rendered":"Freiheit, Heiligkeit und Vernunft in der Lehre von Benedikt XVI."},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Papst spricht <em>urbi et orbi<\/em>Er war nicht nur der Bischof von Rom, sondern auch ein moralischer Wegweiser f\u00fcr die ganze Welt, f\u00fcr Menschen aller Konfessionen, auch f\u00fcr Nichtgl\u00e4ubige. Und nie wurde dies deutlicher als in seinen ber\u00fchmten Regensburger Reden und in seiner Ansprache vor dem Bundestag, dem deutschen Parlament.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ratzinger zu lesen ist in gewisser Weise wie die Lekt\u00fcre der Heiligen Schrift. Sie ist f\u00fcr mehr als eine Interpretation offen. Das Folgende ist also meine Interpretation, ohne den Anspruch zu erheben, die einzige oder gar die bestm\u00f6gliche zu sein. <em>Warnung, Leser!<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Freiheit \"von\" Religion und Freiheit \"gegen\" Religion in einer s\u00e4kularen Welt<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ist die \"Zivilreligion\", die alle Europ\u00e4er eint? Wir glauben nat\u00fcrlich an die Notwendigkeit einer liberalen Demokratie als Rahmen, in dem sich unser \u00f6ffentliches Leben entwickeln muss. Freie Wahlen mit allgemeinem Wahlrecht, der Schutz der grundlegenden Menschenrechte und die Rechtsstaatlichkeit bilden die \"heilige Dreifaltigkeit\" dieses staatsb\u00fcrgerlichen Glaubens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Freiheit \"von\" der Religion ist in allen europ\u00e4ischen Verfassungen verankert. Es wird jedoch allgemein und zu Recht davon ausgegangen, dass dies auch die Freiheit \"von\" der Religion einschlie\u00dft. Dies ist die positive und negative Religionsfreiheit in der Rechtsprechung des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs f\u00fcr Menschenrechte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Freiheit \"von\" der Religion stellt jedoch eine Herausforderung f\u00fcr die liberale Theorie dar. Wir haben zum Beispiel keine \u00e4hnliche Vorstellung von der Freiheit \"vom\" Sozialismus. Oder von der Freiheit \"vom\" Neoliberalismus. Wenn eine sozialistische Regierung demokratisch gew\u00e4hlt wird, erwarten wir eine Politik, die sich aus einer sozialistischen Weltanschauung ableitet und diese umsetzt, wobei selbstverst\u00e4ndlich die Rechte von Minderheiten respektiert werden. Und ob es uns gef\u00e4llt oder nicht, wir m\u00fcssen uns an die Gesetze halten, die diese Politik konkretisieren, auch wenn wir keine Sozialisten sind. Das Gleiche gilt zum Beispiel f\u00fcr eine neoliberale Regierung. Wenn aber eine katholisch orientierte Regierung gew\u00e4hlt wird, bedeutet das Ernstnehmen der Freiheit \"von\" der Religion, dass dieser Regierung die H\u00e4nde gebunden sind, wenn es um die Verabschiedung von Gesetzen geht, die sich aus ihrer religi\u00f6sen Weltanschauung ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einer der gr\u00f6\u00dften politischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, John Rawls, hat in der Tat argumentiert, dass unsere demokratische Praxis selbst, unabh\u00e4ngig davon, ob sie links oder rechts ist, immer auf Argumenten beruhen muss, die von der menschlichen Vernunft abgeleitet sind, deren Regeln von allen unabh\u00e4ngig von ihrer ideologischen Ausrichtung geteilt werden k\u00f6nnen und die daher offen f\u00fcr \u00dcberzeugung und Meinungs\u00e4nderung sind. Religion, so hat Rawls behauptet, ohne ihr eine abwertende Konnotation zuzuschreiben, beruht auf Wahrheiten, die inkommensurabel und nicht verhandelbar, selbstreferentiell und transzendental sind. Und damit ungeeignet f\u00fcr das demokratische Terrain.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In unserer multikulturellen Gesellschaft von Gl\u00e4ubigen und Nicht-Gl\u00e4ubigen stehen wir also vor zwei Herausforderungen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die erste: Wie kann die liberale Theorie die Freiheit \"von\" der Religion erkl\u00e4ren und rechtfertigen? Nat\u00fcrlich gibt es viele Versuche, diese Frage in einem liberalen Rahmen zu rationalisieren. Keiner von ihnen \u00fcberzeugt mich wirklich. Wenn ein Sozialist das Recht hat, der Gesellschaft seine Weltanschauung aufzuzwingen, warum sollte das einem Katholiken verwehrt sein?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und die zweite, Rawls'sche: Welchen Anspruch haben Gruppen von Gl\u00e4ubigen, am demokratischen Leben teilzunehmen - als Menschen des Glaubens -, wenn die religi\u00f6se Weltanschauung in der Tat an nicht verhandelbare, selbstreferentielle, transzendentale Wahrheiten gebunden ist (und ist)?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meiner Meinung nach hat Benedikt mit seinen Reden in Regensburg und im Bundestag die \u00fcberzeugendste Antwort auf diese beiden Herausforderungen gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>II. <\/strong>Johannes Paul II. und sp\u00e4ter Benedikt hatten die Angewohnheit, die Religionsfreiheit als die grundlegendste aller Freiheiten zu bezeichnen. In unserer s\u00e4kularen Kultur wurde diese Behauptung in der Regel mit einem nachsichtigen L\u00e4cheln aufgenommen: \"Welche Freiheit soll ein Papst denn privilegieren?\", wobei eine solche Aussage in einem korporatistischen Sinne interpretiert wurde, als ob der Papst ein Gewerkschaftsf\u00fchrer w\u00e4re, dem es um die Sicherung der Vorteile f\u00fcr seine Mitglieder geht. Der Hirte, der sich um seine Herde k\u00fcmmert, hat nichts Unanst\u00e4ndiges an sich, aber diese Interpretation geht an der wahren Bedeutung der Position des Papstes vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was in der ganzen Aufregung um die Kommentare der <a href=\"https:\/\/www.vatican.va\/content\/benedict-xvi\/es\/speeches\/2006\/september\/documents\/hf_ben-xvi_spe_20060912_university-regensburg.html\">Papst in Regensburg<\/a>Der Schwerpunkt der Religionsfreiheit, auf die der Papst anspielte, lag in der Tatsache, dass sich die Aufmerksamkeit bei der Religionsfreiheit, auf die der Papst anspielte, auf die Religionsfreiheit konzentrierte. <em>im Angesicht von<\/em> Religion: die Freiheit, der eigenen Religion anzugeh\u00f6ren. <em>oder dass sie \u00fcberhaupt nicht religi\u00f6s sind<\/em>. Benedikt hat all dies mit Nachdruck zum Ausdruck gebracht und ausdr\u00fccklich gezeigt, was bereits in der <a href=\"https:\/\/www.vatican.va\/archive\/hist_councils\/ii_vatican_council\/documents\/vat-ii_decl_19651207_dignitatis-humanae_sp.html\"><em>Dignitatis Humanae<\/em> <\/a>Vatikanischen Konzils, die Johannes Paul II. hervorgehoben hatte und die sicherlich auch Teil des Lehramtes von Papst Franziskus ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wohlgemerkt: Seine Rechtfertigung und Verteidigung der Freiheit \"von\" der Religion war weder ein Ausdruck noch ein Zugest\u00e4ndnis an liberale Vorstellungen von Toleranz und Freiheit. Es war der Ausdruck eines tiefgreifenden Gedankens <em>Nonne<\/em>. \"Wir wollen niemandem unseren Glauben aufzwingen. Ein solcher Proselytismus steht im Widerspruch zum Christentum. Der Glaube kann sich nur in Freiheit entfalten\", sagte der Papst in Regensburg an seine Gl\u00e4ubigen und die ganze Welt gerichtet. Das Herzst\u00fcck der Religionsfreiheit ist also die Freiheit, auch zu Gott \"Nein\" zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es liegt auf der Hand, dass diese Freiheit eine \u00e4u\u00dfere Dimension haben muss: Der Staat muss per Gesetz die Freiheit \"von\" der Religion und die Freiheit \"gegen\" die Religion f\u00fcr alle garantieren. Aber nicht weniger wichtig, so wie ich seine Botschaft verstand, war die innere Freiheit. Wir Juden sagen: \"Alles liegt in Gottes Hand, nur nicht die Gottesfurcht\". So hat Gott es gewollt und uns die Wahl \u00fcberlassen. Wahre Religiosit\u00e4t, ein echtes \"Ja\" zu Gott, kann von einem Wesen ausgehen, das nicht nur die \u00e4u\u00dferen materiellen Voraussetzungen, sondern auch die innere geistige F\u00e4higkeit besitzt, zu verstehen, dass die Entscheidung, Ja oder Nein, und die Verantwortung f\u00fcr diese Entscheidung bei uns liegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Benedikt hat also die Freiheit \"von\" der Religion zu einer theologischen Aussage gemacht. Dies ist schlie\u00dflich das Herzst\u00fcck des Zweiten Vatikanischen Konzils und von Ratzingers Beitrag zum Konzil und seiner sp\u00e4teren Interpretation. Dies wiederum hat eine tief greifende anthropologische Bedeutung. Die Religionsfreiheit ber\u00fchrt die tiefste Vorstellung vom Menschen als autonomem Akteur mit der F\u00e4higkeit zur moralischen Entscheidung, auch gegen\u00fcber seinem Sch\u00f6pfer. Wenn Hebraismus und Christentum die Beziehung zwischen Gott und Mensch in Begriffen des Bundes ausdr\u00fccken, feiern sie diese doppelte Souver\u00e4nit\u00e4t: die Souver\u00e4nit\u00e4t des g\u00f6ttlichen Opfers und die Souver\u00e4nit\u00e4t des Menschen, dem es dargebracht wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaube, dass jeder, ob gl\u00e4ubig oder nicht, verstehen kann, dass, wenn man die Existenz eines allm\u00e4chtigen Sch\u00f6pfers annimmt, das Beharren auf der Freiheit, Nein zu einem solchen Sch\u00f6pfer sagen zu k\u00f6nnen, als intrinsische religi\u00f6se Aussage grundlegend f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis unserer menschlichen Existenz ist. In diesem Sinne ist es von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung, dass Johannes Paul II. und Benedikt XVI. den Vorrang der Religionsfreiheit verteidigt haben: Sie ist ein Sinnbild f\u00fcr die Ontologie des menschlichen Daseins. Dar\u00fcber, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man kann noch einen Schritt weiter gehen. Unter Berufung auf Jakobus erkl\u00e4rt Benedikt XVI. in seiner (zu wenig beachteten) Regensburger Predigt, dass \"das k\u00f6nigliche Gesetz\", das Gesetz des K\u00f6nigtums Gottes, auch \"das Gesetz der Freiheit\" ist. Dies ist r\u00e4tselhaft: Wenn man durch die Aus\u00fcbung dieser Freiheit das transzendentale k\u00f6nigliche Gesetz akzeptiert, wie kann dies eine wirkliche Erweiterung der eigenen Freiheit darstellen? Bedeutet das Gesetz nicht von Natur aus, dass man die Beschr\u00e4nkungen unserer Freiheit akzeptiert?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich verstehe Benedikt so, dass er sagte, wenn ich au\u00dferhalb der Fesseln des g\u00f6ttlichen Gesetzes handle, werde ich einfach zum Sklaven meines menschlichen Zustands, meiner menschlichen Begierden. Mit den Worten des Heiligen Ambrosius: \"Quoam multos dominos habet qui unum refugerit! Gottes Gesetz als das \"herrschende Gesetz\" zu akzeptieren, das Gesetz dessen, der diese Welt transzendiert, bedeutet, meine innere Freiheit gegen\u00fcber allem und jedem in dieser Welt zu bekr\u00e4ftigen. Es gibt kein besseres Gegenmittel gegen alle Formen des Totalitarismus auf dieser Welt. Das ist wahre Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>III<\/strong>Was ist dann mit der zweiten Herausforderung, der Rawls'schen Herausforderung? So wie ich die Bundestagsrede verstanden habe, hat Benedikt die Rawls'sche Pr\u00e4misse nicht zur\u00fcckgewiesen. Ohne es beim Namen zu nennen, hat Ratzinger nicht Rawls' Pr\u00e4misse, sondern sein falsches Verst\u00e4ndnis des Christentums in Frage gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn der Katholik, so Benedikt, den \u00f6ffentlichen Raum betritt, um Vorschl\u00e4ge zur \u00f6ffentlichen Normativit\u00e4t zu machen, die rechtsverbindlich werden k\u00f6nnen, dann macht er diese Vorschl\u00e4ge nicht auf der Grundlage von Offenbarung und Glaube oder Religion (auch wenn sie mit diesen \u00fcbereinstimmen k\u00f6nnen). Wie wir gesehen haben, ist es Teil der christlichen Anthropologie, dass der Mensch mit der der Menschheit gemeinsamen F\u00e4higkeit der Vernunft ausgestattet ist, die im \u00dcbrigen die legitime Sprache der allgemeinen \u00f6ffentlichen Normativit\u00e4t darstellt. Der Inhalt der christlichen Frage in der \u00f6ffentlichen Sph\u00e4re wird daher im Bereich der praktischen Vernunft liegen: Moral und Ethik, wie sie oft im Naturrecht zum Ausdruck kommen. Wenn ich ein Beispiel nennen darf: Als Kain Abel t\u00f6tete, drehte er sich nicht um und sagte zum Herrn: Du hast mir nie gesagt, dass das T\u00f6ten verboten ist. Auch der Leser der Heiligen Schrift erhebt keinen solchen Einwand. Es wird davon ausgegangen, dass wir alle aufgrund unserer Sch\u00f6pfung (f\u00fcr die Gl\u00e4ubigen als Abbild Gottes) die F\u00e4higkeit haben, zwischen Gerechten und Ungerechten zu unterscheiden, und dass wir dazu keine g\u00f6ttliche Offenbarung ben\u00f6tigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies ist auch kein Zugest\u00e4ndnis an den Laizismus. Sie ist ein unvermeidliches Ergebnis der religi\u00f6sen Thesen, die dem Regensburger Diskurs zugrunde lagen. Die Verabschiedung einer \u00f6ffentlich verbindlichen Norm, die sich allein auf Glauben und Offenbarung st\u00fctzt, w\u00fcrde genau diese tiefe, religi\u00f6s begr\u00fcndete Verpflichtung zur Religionsfreiheit verletzen, f\u00fcr die ein erzwungener Glaube einen Widerspruch darstellt und dem g\u00f6ttlichen Willen widerspricht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist auch eine k\u00fchne Behauptung. Ja, zum einen ist es die Eintrittskarte des Katholiken in die normative \u00d6ffentlichkeit auf gleicher Augenh\u00f6he. Gleichzeitig erlegt sie der Glaubensgemeinschaft eine ernste und strenge Disziplin auf. Die Disziplin der Vernunft k\u00f6nnte eine Revision der moralischen Positionen erzwingen. Sie haben nicht mehr den Joker in der Hand: \"Das ist es, was Gott befohlen hat\". Dies ist nicht Teil der gemeinsamen \u00f6ffentlichen Vernunft. Wenn man eine Sprache \u00fcbernimmt, muss man sie richtig sprechen, um verstanden zu werden und zu \u00fcberzeugen. Und das gilt auch f\u00fcr die Sprache der Vernunft.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Wert der Heiligkeit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>IV. <\/strong>Ich komme nun zu einer meiner Meinung nach au\u00dfergew\u00f6hnlichen Lehre, die sich speziell an die Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen richtet und die passenderweise in der Regensburger Predigt zu finden ist und nicht in der ber\u00fchmten Ansprache an die akademische Gemeinschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verkn\u00fcpfung von allgemeiner Normativit\u00e4t und Vernunft ist verf\u00fchrerisch und in gewisser Weise konstitutiv f\u00fcr die christliche Identit\u00e4t. Doch hier liegt eine interessante Gefahr f\u00fcr die <em>Homo religiosus<\/em>. Darin liegt die Gefahr, die eigene Religiosit\u00e4t auf die Ethik zu reduzieren, wie sie oft im Naturrecht zum Ausdruck kommt, so wichtig sie auch sein mag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\"Soziale Fragen und das Evangelium sind untrennbar miteinander verbunden\", lautete eine der zentralen Botschaften der Regensburger Predigt. Das ist ein starker Satz. F\u00fcr mich ist die interessantere Frage: Warum hielt es der Papst f\u00fcr n\u00f6tig, seine Sch\u00e4fchen daran zu erinnern, dass soziale Anliegen und das Evangelium untrennbar miteinander verbunden sind?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich werde nun beginnen, diese Frage zu beantworten, mit der offensichtlichen Demut und dem Misstrauen, das sich aus der Tatsache ergibt, dass ich als Au\u00dfenstehender das Terrain einer Glaubensgemeinschaft betrete, der ich nicht angeh\u00f6re. Sollte ich mich irren, w\u00fcrde ich mich freuen, wenn ich korrigiert werde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Papst hat uns, die Gl\u00e4ubigen im Allgemeinen und seine katholische Gemeinde im Besonderen, vor der Gefahr gewarnt, dass die christliche Forderung nach \u00f6ffentlicher Normativit\u00e4t, die durch die Sprache der allgemeinen, f\u00fcr alle Menschen geltenden Vernunft ausgedr\u00fcckt wird, den Sinn des religi\u00f6sen Lebens oder sogar der christlichen Normativit\u00e4t ersch\u00f6pft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Soziale Fragen\" als Ausdruck von Moral und Ethik sind f\u00fcr die abrahamitischen Religionen von zentraler Bedeutung, aber sie allein definieren nicht die religi\u00f6se Sensibilit\u00e4t, den religi\u00f6sen Impetus oder den religi\u00f6sen Sinn. Schlie\u00dflich hat die Religion nicht das Monopol auf Moral und Ethik. Ein Atheist kann ein ethisches Leben f\u00fchren und ein Interesse an sozialen Fragen haben, das nicht weniger edel ist als das von Gl\u00e4ubigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die religi\u00f6se Kategorie par excellence, die in einer s\u00e4kularen Weltanschauung keine Entsprechung hat, ist die Heiligkeit. Religion ausschlie\u00dflich auf sozialethische Belange zu reduzieren, so wichtig diese auch sein m\u00f6gen, f\u00fchrt zu einer fatalen Verkleinerung der Bedeutung der Heiligkeit. Nat\u00fcrlich ist die Heiligkeit nicht von Ethik und Moral getrennt. Moral und Ethik sind notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen f\u00fcr die Heiligkeit. Die Heiligkeit ersch\u00f6pft sich nicht in Ethik und Moral. Es bedeutet mehr: die N\u00e4he zu Gottes Liebe zu uns und unsere Liebe zu ihm, seine Gegenwart in unserer ganzen Existenz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich m\u00f6chte eine ber\u00fchmte Schriftstelle aus dem Alten und Neuen Testament zitieren - Liebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst -, die meiner Meinung nach perfekt zu Benedikts Betonung in seiner Predigt passt, dass soziale Fragen und das Evangelium untrennbar sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wo findet sich diese Passage zuerst? Es steht in Levitikus, Kapitel 19. Ein ganz besonderes Kapitel in der ganzen Bibel, weil es sich ausdr\u00fccklich mit dem Begriff der Heiligkeit besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\"Der Herr sprach erneut zu Mose: 'Sprich zu der ganzen Gemeinschaft der Israeliten und befiehl ihnen: 'Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig'\" (Lev 19,1-2).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Kapitel findet sich das Gebot \"Liebe deinen N\u00e4chsten\". Aber wir alle neigen dazu, das Ende dieser Passage zu vergessen. Es hei\u00dft nicht einfach \"Liebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst\", sondern \"Liebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst\", <em>Ich bin der Herr<\/em>\". Und es ist dieser letzte Teil, der die <em>Homo religiosus<\/em> im Begriff der Heiligkeit, der \u00fcber die allgemeine Moral der Menschheit hinausgeht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich m\u00f6chte betonen, dass meiner Meinung nach der \"Mehrwert\" der Heiligkeit den Ordensmann nicht \u00fcber seine Laienbr\u00fcder und -schwestern stellt. Es macht ihn einfach anders.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich m\u00f6chte die tiefere Bedeutung von \"Liebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst - ich bin der Herr\" untersuchen und eine Interpretation anbieten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor allem geht die Vorschrift der Liebe \u00fcber unser normales Verst\u00e4ndnis von ethischem Verhalten, das sich in Naturrecht umsetzen l\u00e4sst, hinaus. Niemand k\u00e4me auf die Idee, die Pflicht zur N\u00e4chstenliebe ins weltliche Recht zu \u00fcbertragen. Es handelt sich vielmehr um eine Manifestation der katholischen Normativit\u00e4t, die im Matth\u00e4us-Evangelium trefflich zum Ausdruck kommt: \"Und wenn dich jemand bittet, eine Meile mit ihm zu gehen, so gehe zwei mit ihm\".<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zweitens erkl\u00e4rt der letzte Teil - Ich bin der Herr -, warum dieser ber\u00fchmte Abschnitt in einem Kapitel steht, das mit der Aufforderung beginnt, nach Heiligkeit zu streben. Wenn wir die Verpflichtung zur N\u00e4chstenliebe erf\u00fcllen, bringen wir nicht nur unsere Liebe zu unserem N\u00e4chsten und zu uns selbst zum Ausdruck. Seine Erf\u00fcllung ist auch ein Ausdruck unserer Liebe zum Herrn. Und genau hier liegt die Heiligkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich finde es bezeichnend, dass Benedikt uns diese Lehre im Zusammenhang mit der Eucharistiefeier gegeben hat. Denn soweit ich sie verstehe, sind die verschiedenen Sakramente, das Gebet, die Messe im Allgemeinen und die Eucharistiefeier im Besonderen sowie alle anderen \u00e4hnlichen Praktiken die Mittel, mit denen die Kirche dem Gl\u00e4ubigen die M\u00f6glichkeit bietet, Liebe und Hingabe zum Herrn auszudr\u00fccken. Und das geht sicherlich \u00fcber eine einfache ethische Lebensf\u00fchrung hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn diese Interpretation etwas taugt, dann ist es die Tatsache, dass sie eine bemerkenswerte historische Ironie enth\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur Zeit von Propheten wie Amos und Jesaja und nat\u00fcrlich auch im Evangelium mussten die Gl\u00e4ubigen daran erinnert werden, dass Glaube und Heiligkeit nicht einfach durch die Befolgung von Sakramenten und Ritualen erreicht werden k\u00f6nnen, wenn diese nicht von ethischem Verhalten und dem k\u00f6niglichen Gesetz der Liebe begleitet werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute ist die Situation umgekehrt und die Gl\u00e4ubigen m\u00fcssen daran erinnert werden, dass der Reichtum des religi\u00f6sen Sinns sich nicht darin ersch\u00f6pft, einfach ein ethisches Leben der Solidarit\u00e4t zu f\u00fchren. Ein ethisches Leben zu f\u00fchren ist eine notwendige, aber keineswegs hinreichende Bedingung. Ethisches Verhalten und Solidarit\u00e4t m\u00fcssen von einer Beziehung zum G\u00f6ttlichen begleitet sein, durch das Gebet, durch die Sakramente, durch die Suche nach der Hand des Sch\u00f6pfers in der von ihm geschaffenen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist Teil des modernen Zustands, dass viele Gl\u00e4ubige sich des Evangeliums, der Sakramente sowie der Aussagen, Worte und Praktiken, die die sakramentalen Aspekte ihrer Religion und ihres Glaubens zum Ausdruck bringen, fast sch\u00e4men. Diese erscheinen, Ironie der Ironie, als \"unvern\u00fcnftig\" (sagen Sie das einmal dem Heiligen Thomas von Aquin oder dem Heiligen Augustinus!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"920\" height=\"526\" src=\"http:\/\/omnesmag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Weiler_POPE-RATZINGER-PRIZE-1752439.jpg\" alt=\"RATZINGER PREIS PAPST BENEDIKT XVI\" class=\"wp-image-27691\" srcset=\"https:\/\/www.omnesmag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Weiler_POPE-RATZINGER-PRIZE-1752439.jpg 920w, https:\/\/www.omnesmag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Weiler_POPE-RATZINGER-PRIZE-1752439-700x400.jpg 700w, https:\/\/www.omnesmag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Weiler_POPE-RATZINGER-PRIZE-1752439-300x172.jpg 300w, https:\/\/www.omnesmag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Weiler_POPE-RATZINGER-PRIZE-1752439-768x439.jpg 768w, https:\/\/www.omnesmag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Weiler_POPE-RATZINGER-PRIZE-1752439-18x10.jpg 18w, https:\/\/www.omnesmag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Weiler_POPE-RATZINGER-PRIZE-1752439-600x343.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Benedikt XVI. mit den Preistr\u00e4gern des Ratzinger-Preises 2022: Joseph H. H. Weiler und Michel F\u00e9dou am 1. Dezember 2022.  \u00a9CNS photo\/courtesy Joseph Ratzinger-Benedikt XVI Vatikan-Stiftung<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Prophet Micha predigte: \"Mensch, du bist gelehrt worden, was gut ist und was der Herr von dir verlangt: Gerechtigkeit zu \u00fcben, Gottesfurcht zu lieben, dem\u00fctig zu sein vor deinem Gott\" (Micha 6,8). Geht dem\u00fctig und nicht im Verborgenen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich m\u00f6chte mit einer pers\u00f6nlichen Bemerkung schlie\u00dfen. Ich hatte das Privileg, Papst Benedikt bei drei Gelegenheiten zu treffen. Einmal war es 2013, kurz vor seiner Pensionierung, ein eher kurzes Treffen, bei dem ich ihm zwei meiner T\u00f6chter vorstellte. Die zweite Gelegenheit ergab sich einige Jahre sp\u00e4ter, als ich auf seine Bitte hin - zu meiner \u00dcberraschung, da ich nie formal Ratzingers Sch\u00fcler gewesen war - eingeladen wurde, den Hauptvortrag beim ber\u00fchmten \"Ratzinger Sch\u00fclerkreis\" zu halten, woraufhin ich das reine Vergn\u00fcgen eines langen Einzelgespr\u00e4chs mit dem emeritierten Papst hatte: Theologie pur. Und schlie\u00dflich fand unser letztes Treffen vor etwa einem Monat statt, zusammen mit den Patres Fedou, Lombardi und G\u00e4nswein, anl\u00e4\u00dflich des <a href=\"https:\/\/www.omnesmag.com\/de\/nachrichten\/ratzinger-ratzinger-preisverleihung-2022\/\">Ratzinger-Preis 2022. <\/a>Diese Begegnungen haben sich unausl\u00f6schlich in mein Ged\u00e4chtnis eingebrannt. Seine Abschiedsworte waren bedeutungsvoll und r\u00fchrend: \"Bitte gr\u00fc\u00dfen Sie Ihre T\u00f6chter von mir\".<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Un Papa habla urbi et orbi, como obispo de Roma, pero tambi\u00e9n como gu\u00eda moral para todo el mundo, para las personas pertenecientes a todas las confesiones, incluidas las no creyentes. Y nunca fue esto m\u00e1s evidente que en sus famosos discursos de Ratisbona y en su alocuci\u00f3n ante el Bundestag, el parlamento alem\u00e1n. 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