{"id":30948,"date":"2023-05-15T06:00:00","date_gmt":"2023-05-15T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/omnesmag.com\/?p=30948"},"modified":"2023-05-11T11:08:11","modified_gmt":"2023-05-11T10:08:11","slug":"interview-benjamin-franzani","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.omnesmag.com\/de\/actualidad\/entrevista-benjamin-franzani\/","title":{"rendered":"<b>Benjam\u00edn Franzani: <\/b> \"Wir brauchen Heldentum, denn wir alle haben Schlachten zu schlagen\"."},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Es hei\u00dft, dass die Geisteswissenschaften in einer Krise stecken, dass das Niveau der Reflexion, des Leseverst\u00e4ndnisses, des Schreibens und der F\u00e4higkeit, eine innere Welt zu konstruieren, st\u00e4ndig von Bildschirmen bedroht ist, vor allem bei den J\u00fcngsten, die die meiste Zeit des Tages mit dem Blick auf ihre Handys verbringen. \u00dcber diese und andere Fragen haben wir mit Benjam\u00edn Franzani in Frankreich gesprochen, wo er bei dem bekannten franz\u00f6sischen Medi\u00e4visten hispanischer Herkunft, Martin Aurell, an der Universit\u00e4t Poitiers promoviert. F\u00fcr den 33-j\u00e4hrigen chilenischen Juristen und Professor, der sich schon fr\u00fch zur Kunst berufen f\u00fchlte, ist die epische Literatur weit mehr als ein akademisches Studienobjekt: Sie ist eine Quelle der Inspiration f\u00fcr das moderne Leben - oder sollte es zumindest sein. Lange bevor er sich f\u00fcr das Studium dieser Literatur interessierte, hatte Benjamin bereits seine eigene Geschichte als Leser und Schriftsteller. Heute hat er soeben seine eigene Fantasy-Saga ver\u00f6ffentlicht - f\u00fcnf B\u00fccher, die k\u00fcrzlich in einem einzigen Band zusammengefasst wurden -, an der er seit seiner Kindheit gearbeitet hat. <em><a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/-\/es\/Benjam%C3%ADn-Franzani-G\/dp\/B0BR987G9S\/ref=sr_1_22?__mk_es_US=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;crid=1XMBG7GVPP8W0&amp;keywords=cr%C3%B3nicas+de+una+espada&amp;qid=1672407004&amp;sprefix=cr%C3%B3nicas+de+una+espada%2Caps%2C510&amp;sr=8-22\">Chroniken eines Schwertes<\/a><\/em>erh\u00e4ltlich bei Amazon, bringt eine sehr menschliche Geschichte, die vom Mittelalter inspiriert ist, ins 21. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was kann uns die mittelalterliche Literatur, insbesondere die Lieder der Taten, bieten?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">-Das, was wir heute als Mittelalter bezeichnen, ist eine lange Periode unserer Geschichte, die f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis unserer Gesellschaften im Westen von grundlegender Bedeutung ist. Man ist ihm gegen\u00fcber nicht gleichg\u00fcltig, und das erneute Interesse an mittelalterlich inspirierten Themen zeugt davon. Seine Literatur bietet uns ein privilegiertes Fenster, wenn auch nicht unbedingt in die historische Realit\u00e4t jener Jahrhunderte, so doch in die Art und Weise, wie seine Protagonisten die Ereignisse ihrer Zeit empfanden und interpretierten: wie sie sich an ihre Vergangenheit und das klassische Erbe erinnerten, wie sie ihre Welt hinterfragten und wie sie ihre Zukunft ertr\u00e4umten. All dies geh\u00f6rt zwar zur Literatur im Allgemeinen, aber das Mittelalter bietet uns einen Zugang zu unseren Wurzeln, von denen wir viel \u00fcber die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts lernen k\u00f6nnen: Von k\u00fcnstlerischen bis zu politischen Fragen, von philosophischen und theologischen Debatten bis zu solchen \u00fcber die Umwelt und das historische Ged\u00e4chtnis - die M\u00e4nner und Frauen des Mittelalters standen vor vielen Herausforderungen, die wir heute wieder erleben. Die bedauerliche Vernachl\u00e4ssigung dieser Epoche aufgrund des Etiketts des Obskurantismus, das jahrhundertelang auf ihr lastete, hat dazu gef\u00fchrt, dass wir nicht in der Lage sind, aus dieser Erfahrung zu sch\u00f6pfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber was ist mit den Liedern der Taten? Sie sind das heroische Genre schlechthin im Mittelalter, und es gibt sie in vielen Formen und Farben: von den \u00e4ltesten und in der m\u00fcndlichen Literatur verankerten, die durch den Gesang der Minnes\u00e4nger verbreitet wurde, bis hin zu den \"weisesten\" Gelehrten, die der Nachwelt den Bericht \u00fcber die gro\u00dfen Taten ihrer Zeit hinterlassen wollten. Die epische Literatur hatte schon immer eine koh\u00e4sive Funktion in der Gesellschaft: Sie zeigt uns heroische Modelle, oder anders gesagt, wie man Krisenmomente \u00fcberwinden und die soziale Einheit retten kann. Ob die Gefahr nun von den M\u00e4chten des Chaos ausgeht, die von den Monstern des <em>Beowulf<\/em>oder durch die Invasion \u00e4u\u00dferer Feinde wie in der <em>Chanson de Guillaume<\/em>Der Held ist ein Wiederhersteller, oft unter Einsatz seines eigenen Lebens. Ein anderes Mal verk\u00f6rpern sie den Kampf f\u00fcr ein gemeinsames Ziel, bei dem es ihnen gelingt, die Anstrengungen der gesamten Gemeinschaft zu vereinen. Und es gibt sogar Lieder, die man als \"Anti-Helden\" bezeichnen k\u00f6nnte, wie die der Rebellen <em>Raoul de Cambrai <\/em>o <em>Gormond und Isembard, <\/em>in denen der Protagonist das Gegenteil von dem ist, was wir von einem Helden erwarten w\u00fcrden: In seiner Geschichte, die manchmal tragisch oder einfach nur schrecklich ist, erinnert uns der Spielmann im Gegensatz dazu an die Werte, die das Publikum teilen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der das Individuum hochgehalten wird, und jeder Ruf nach Heldentum scheint aus dem Zusammenhang gerissen. Und doch brauchen wir Heldentum: erstens in unserem t\u00e4glichen Leben, weil wir alle gro\u00dfe oder kleine Schlachten zu schlagen haben und jeder von uns in der Tat sein eigenes \"Lied der Taten\" lebt, und zweitens, weil unsere Kultur trotz der zunehmenden Vernetzung vergessen zu haben scheint, was es bedeutet, eine Gemeinschaft zu sein. Und es gibt nichts Besseres als ein gutes Lied der Taten, um uns daran zu erinnern, dass wir alle an einer gemeinsamen Anstrengung beteiligt sind.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Welchen Bezug hat die mittelalterliche Literatur zu Ihrer epischen Fantasy-Saga?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">-Literatur <em>Fantasie<\/em> (im Prinzip m\u00fcsste man das Genre auf Spanisch \"maravilloso\" nennen, denn \"phantastische\" Literatur ist eigentlich das, was sich aus Geistergeschichten oder dem \u00dcbernat\u00fcrlichen ableitet... aber da das meiste davon auf Englisch geschrieben wurde und dort der Gattungsname lautet <em>Fantasie<\/em>Sie entstand als literarische Bewegung in der angels\u00e4chsischen Welt, die eng mit M\u00e4rchen und der romantischen Atmosph\u00e4re verbunden war, die auf ihre eigene Weise den Wert des Mittelalters wiederherstellte. Sie wurde in Verbindung mit der Folklore und dadurch mit dem Keltischen geboren. Ich glaube, dass die Reife des Genres mit J. R. R. Tolkien und C. S. Lewis kam. S. Lewis, und heute die meisten Autoren der <em>Fantasie<\/em> wir leben in seinem Schatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das hei\u00dft, obwohl sie aus der Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr das Mittelalter entstanden ist und die meiste Zeit von Geschichten handelt, die in dieser Zeit angesiedelt sind, hat sie heute in Wirklichkeit sehr wenig vom wirklichen Mittelalter und viel von der Vorstellung, die wir von dieser Zeit haben, ohne die Quellen durchgesehen zu haben. Ich sage das nicht als negative Kritik: sehr erfolgreiche Sagen wie <em>Drachenlanze<\/em> orientieren sich eher an Rollenspielen als an der mittelalterlichen Welt, die nur vage als Referenz dient. Das ist an sich nichts Schlechtes: Es offenbart uns das Wesen der Fantasy, dass es nicht um historische Romane geht, sondern um das Nachdenken \u00fcber m\u00f6gliche Welten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fantasie hat uns schon immer begleitet, und der Beweis daf\u00fcr sind Folklore und M\u00e4rchen: Sie ist ein Raum, der es uns erm\u00f6glicht, uns f\u00fcr einen Moment von der Realit\u00e4t zu l\u00f6sen und sie aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. F\u00fcr manche ist Literatur eine Fluchtm\u00f6glichkeit: f\u00fcr mich nicht. Gute Literatur zeigt Ihnen unter dem Deckmantel der Fiktion die Realit\u00e4t, sie bildet einen Filter, der es Ihnen erm\u00f6glicht, sich auf einen bestimmten Punkt der menschlichen Erfahrung zu konzentrieren, um sie besser zu betrachten. So wie man sich in Filmen von den Spezialeffekten blenden lassen kann, so kann in der Fantasy-Literatur das wunderbare Element - die Magie, die verschiedenen Rassen, die Geografie von Welten, die nicht existieren - uns von dem ablenken, was die Geschichte wirklich tut, n\u00e4mlich uns eine Geschichte zu pr\u00e4sentieren, die unsere eigene sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daraus ergibt sich die Beziehung zwischen Fantasy und Science Fiction, die in der Regel sehr eng beieinander liegen: beide schlagen Szenarien vor, die in die Vergangenheit oder in die Zukunft weisen: Erinnerung und Traum oder Erbe und Projekt, k\u00f6nnte man sagen. Es ist \u00fcberhaupt nicht verwunderlich, dass <em>Krieg der Sterne<\/em> ist zum Beispiel eher ein mittelalterliches Weltraumdrama als ein echter Wissenschaftsfilm. Und das liegt daran, dass sich George Lukas' Saga auf genau das konzentriert, was Gegenstand des <em>roman<\/em> des Rittertums (einer anderen mittelalterlichen Gattung): der Bogen des Helden. Das ist der Grund, warum wir von der Literatur beeindruckt sind, ob es nun <em>Fantasie<\/em> oder das mittelalterliche Epos: weil es ein menschliches Drama inszeniert, das zum Handeln aufruft, dazu, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, das Verhalten eines Protagonisten anzunehmen: eine Mission, ein Ziel. In meiner Saga <em>Chroniken eines Schwertes<\/em>Dieser Aspekt wird beispielsweise durch die beiden Protagonisten Damien und Julian verk\u00f6rpert. Der eine entdeckt seine Aufgabe mehr oder weniger am Anfang, der andere muss sie erst noch entdecken. F\u00fcr den einen ist die Geschichte die Geschichte der Treue zu seiner Bestimmung. F\u00fcr den zweiten ist es die Geschichte der Beharrlichkeit auf der Suche. Obwohl <em>Chronik<\/em> mag in einem imagin\u00e4ren Kontext stattfinden, der weit vom 21. Jahrhundert entfernt zu sein scheint, die menschlichen Probleme sind im Grunde dieselben. Die Wahrheit ist, dass der Abstand zwischen den Protagonisten eines guten Fantasy-Buches und dem Leser von heute nicht so gro\u00df ist, wie es scheint.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein weiteres Beispiel: f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.omnesmag.com\/de\/nachrichten\/ist-tolkiens-christentum-gegenwartig-in-seinen-werken\/\">Tolkien<\/a>Mittelerde ist kein Paralleluniversum: Es ist die mythische Vergangenheit unseres Planeten Erde. Seine Welt ist so dicht, weil sie die Dichte unserer Realit\u00e4t teilt. Als Philologe und Medi\u00e4vist sch\u00f6pfte er direkt aus alten und mittelalterlichen Quellen. Daher ist die Vergangenheit der Elfen und Menschen unsere Vergangenheit, sie sagt uns etwas dar\u00fcber, wer wir sind. Selbst wenn sie erfunden ist, spielt das keine Rolle: M\u00e4rchen sind auch erfunden und erz\u00e4hlen uns von Dingen, die f\u00fcr diejenigen, die zuzuh\u00f6ren wissen, sehr real sind. Heute hingegen sch\u00f6pfen Fantasy-Autoren oft aus Quellen, die ihnen n\u00e4her liegen: den V\u00e4tern des Genres. <em>Fantasie<\/em> und andere Fantasy-Autoren. Die Folge ist eine Verarmung der Referenzen, der m\u00f6glichen Welten und eine Zunahme von \"Spezialeffekten\", manchmal zum Nachteil der zu erz\u00e4hlenden Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Schreiben <em>Chroniken eines Schwertes<\/em> Allm\u00e4hlich wurde ich mir dessen bewusst. Wie alle anderen stand ich anfangs sehr stark in Tolkiens Schatten, und in gewisser Weise stehe ich immer noch dort. Aber gleichzeitig wurde mir, je mehr ich mich f\u00fcr die \"direkte\" mittelalterliche Welt interessierte und sie kennenlernte, klar, dass wir ein immenses Erbe verlieren. Tolkien selbst wollte mit seinem Werk seiner Heimat England, seinen eigenen Taten, eine mythische Vergangenheit geben, weil er den Eindruck hatte, dass dort eine Leere herrschte, verglichen mit dem, was er auf dem Kontinent sah: Die mittelalterliche Literatur der Insel und ihre bekanntesten Legenden - K\u00f6nig Artus - wurden n\u00e4mlich in Franz\u00f6sisch geschrieben, der Literatursprache des mittelalterlichen Englands. Wenn also der gro\u00dfe Vater der Literatur <em>Fantasie<\/em> Was ist mit uns, die wir von diesem Kontinent - Spanien, Frankreich, Italien - kommen, der so reich an eigener mittelalterlicher Geschichte ist? Warum sind wir immer noch in der keltischen, der s\u00e4chsischen und jetzt der wikingerzeitlichen verankert, wenn wir unsere eigene r\u00f6mische, mediterrane und auch mittelalterliche Tradition haben? Und hier kommen die cantares de gesta ins Spiel. Mit <em>Chroniken eines Schwertes <\/em>Ich habe versucht, ein wenig von dieser kontinentalen Tradition zu retten, indem ich sie nach dem Modell der Phantasie, der m\u00f6glichen Welten und der heroischen Vergangenheit modelliert habe.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was hat Ihr Interesse an diesem Abschnitt der Geschichte geweckt, den Ihr Herkunftsland Chile nicht kennt?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">-Zun\u00e4chst einmal ist es richtig, dass die Entdeckung Amerikas das Ende des Mittelalters markieren soll. Aber das sind Etiketten, die wir Jahrhunderte sp\u00e4ter erfunden haben; die Realit\u00e4t ist komplexer. Die spanischen Konquistadoren, die Santiago de Chile gr\u00fcndeten, hatten sicherlich eine mittelalterliche Mentalit\u00e4t, die sie nicht auf magische Weise verloren, als sie den Atlantik \u00fcberquerten. Wir haben diese Kultur geerbt, ebenso wie wir durch sie die Quellen des klassischen Altertums und den katholischen Glauben geerbt haben. Ich f\u00fchle mich genauso als Erbe der westlichen Kultur wie jeder andere Europ\u00e4er: F\u00fcr mich ist das keine \"fremde\" Geschichte, als wenn ich mich f\u00fcr die asiatische Welt interessiert h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei war mein Interesse am Mittelalter zun\u00e4chst nur ein indirekter Geschmack: Wie die meisten Menschen, vor allem aus L\u00e4ndern, in denen keine mittelalterlichen Denkm\u00e4ler oder Architekturen erhalten sind, habe ich mich dem Mittelalter nur \u00fcber Literatur und Film gen\u00e4hert. Ich habe lange vor meinem Studium mit dem Schreiben begonnen, hatte also noch keine Ahnung vom Mittelalter. Aber ich hatte Tolkien, Lewis, Walter Scott gelesen, einige B\u00fccher (nat\u00fcrlich modernisiert), in denen die Legenden von K\u00f6nig Artus gesammelt waren... all das hat mich f\u00fcr diese historische Epoche begeistert, f\u00fcr Geschichten von Rittern, Schlachten und Magie. Gleichzeitig war es in meinem Haus nicht ungew\u00f6hnlich, dass mein Vater \u00fcber die spanische R\u00fcckeroberung, \u00fcber Kriegerm\u00f6nche und Paladine wie Roland sprach. Es war kein h\u00e4ufiges Thema, aber aus irgendeinem Grund blieben die wenigen Male, die er oder mein Gro\u00dfvater dar\u00fcber sprachen, tief in mir verankert. Dann kam ein entscheidender Moment: Wir hatten als Familie die M\u00f6glichkeit, f\u00fcr die Arbeit meines Vaters eineinhalb Jahre in Rom zu leben. Ich ging dort zur Schule, und es fiel in die Zeit, als Dante studiert wurde und die <em>Die G\u00f6ttliche Kom\u00f6die<\/em>und Ariosto und seine <em>Orlando <\/em><em>f<\/em><em>urioso<\/em>. Die W\u00fcrfel waren gefallen: Ich war bereits ein Fantasy-Leser, und nun entdeckte ich die Quelle, aus der diese Fantasie sprudelte, und zwar nicht auf Umwegen, sondern indem ich von ihr geblendet wurde. <em>in situ.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was motiviert Sie zum Schreiben?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">-Einerseits das Teilen von Geschichten. Das hilft uns, das, was uns menschlich macht, neu zu bewerten und uns selbst zu entdecken. Ich versuche, den Schwerpunkt auf die Figuren und ihre Psychologie zu legen, auf die Hoffnungen oder \u00c4ngste, die sie bewegen: Geleitet von den ersteren, die letzteren \u00fcberwindend, wird die Geschichte gewoben und bietet ein Modell, das buchst\u00e4blich durch die Augen eintritt. Au\u00dferdem ist es ein wirklich vergn\u00fcglicher Prozess, sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen. Die kurze Antwort lautet also: zum Vergn\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber es gibt auch ein anderes Ziel: das Mittelalter wieder zu erhellen. Leider ist die Welt der Geschichten - Filme, Serien, Literatur - heute wahrscheinlich die letzte Hochburg des Obskurantismus. Ich sage \"leider\", denn obwohl heute kein halbwegs seri\u00f6ser Historiker mehr behaupten w\u00fcrde, das Mittelalter sei \"das finstere Mittelalter\" gewesen, ist das, was die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung erf\u00e4hrt, die Interpretation der Bildschirme und Romane. Ich sagte bereits, dass das Mittelalter unsere Vergangenheit ist und uns hilft zu verstehen, wer wir sind. Nun, so zu leben, als ob alles, was vor uns kam, insbesondere das Mittelalter, einfach falsch und barbarisch war, missversteht uns wirklich. Lewis sagte, dass es Menschen gibt, denen es so vorkommt, als habe es im Mittelalter keine sonnigen Sonntage am Fluss gegeben: Es gab nur Winter, Pest und politische und religi\u00f6se Gewalt. Und das Komische ist, dass wir, ohne zu leugnen, dass es diese Dinge gab, vergessen, dass sie alle eine bedauerliche Konstante unseres Menschseins sind: Wenn wir sie auf das Mittelalter verweisen, verschlie\u00dfen wir die Augen vor ihrer heutigen Pr\u00e4senz und bek\u00e4mpfen sie nicht. Im Gegensatz dazu war das Mittelalter auch eine Zeit der geistigen und kulturellen Bl\u00fcte, der Kunst und des spirituellen Bewusstseins, nach dem die heutige Welt d\u00fcrstet und nicht wei\u00df, wo es zu finden ist. K\u00fcrzlich bei einer Ausstellung \u00fcber Literatur <em>Fantasie<\/em> Hier in Paris wurde die Religionskritik als ein grundlegendes Element des Genres vorgeschlagen. Das Kuriose daran ist, dass zur gleichen Zeit Lewis und Tolkien, beide zutiefst christlich, als V\u00e4ter des Genres vorgeschlagen wurden. Die leuchtende Seite des Mittelalters zu retten, bedeutet auch, die Hoffnung auf die Dunkelheit unserer Welt zu retten. Sich daran zu erinnern, dass das Mittelalter die Zeit der leuchtenden Farben und intensiven Emotionen war, und den Grund f\u00fcr diese Freude trotz aller Schwierigkeiten zu entdecken, kann uns den Schl\u00fcssel zu den Graut\u00f6nen und Wintern unseres eigenen Lebens geben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie k\u00f6nnen wir jungen Menschen helfen, sich f\u00fcr Literatur zu interessieren?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">-Diese Frage k\u00f6nnte man noch lange fortsetzen. Sagen wir einfach, dass die Literatur ihnen hilft, sich selbst und der Welt zu begegnen. Unser Leben ist in hohem Ma\u00dfe die Konstruktion einer Geschichte, und das Lesen hilft uns, viele Leben zu leben, uns Erfahrungen zu vermitteln, f\u00fcr die wir sonst Jahrhunderte br\u00e4uchten. Das ist die Anmut und die Magie des Schreibens: dass es uns erlaubt, uns einen Abend lang mit Dante Alighieri, mit Ovid oder mit Jane Austen zu unterhalten, wenn Sie wollen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Welche Autoren oder Lehrer haben Sie beeinflusst?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">-Meine Einf\u00fchrung in das Lesen erfolgte durch die B\u00fccher von Jules Verne und seine Abenteuergeschichten. Ich lese gern ein bisschen von allem, und in den letzten Jahren habe ich tats\u00e4chlich wenig Fantasy gelesen. Verne und Walter Scott (<em>Ivanhoe<\/em>, <em>Der schwarze Pfeil<\/em>) waren am Anfang sehr wichtig. Dann lernte ich die <em>Die Chroniken von Narnia<\/em> und auch <em>Die unendliche Geschichte <\/em>von Michael Ende: Ich war begeistert von seinem Vorschlag einer inneren Welt, der Welt der Phantasie, denn das war etwas, was ich selbst erlebt hatte, als ich mir Spiele oder Geschichten ausdachte, die ich meinem Bruder und meinen Cousins auf dem Land erz\u00e4hlte. Dann ging ich zu Tolkien \u00fcber, den ich liebte. Ich sollte auch Tad William und seine Saga in diese Liste aufnehmen <em>Sehns\u00fcchte und Bedauern<\/em> und Terry Brooks mit dem <em>Das Schwert von Shannara<\/em>. Was mich aber zweifellos am meisten beeinflusst hat, war meine \"italienische Erfahrung\": Dort, in den Literaturklassen, die der inzwischen ber\u00fchmte Alessandro D'Avenia an meiner Schule unterrichtete, lernte ich Dante und Ariosto kennen, zwei Autoren, die mich f\u00fcr immer gepr\u00e4gt haben und die mir die T\u00fcr zur Literatur der vergangenen Jahrhunderte \u00f6ffneten: Von dort aus konnte ich dann ohne Angst zu Klassikern wie dem <em>Eneida<\/em>die <em>Ilias<\/em>die <em>Odyssee<\/em>die <em>Beowulf <\/em>und die <em>Cantar de mio Cid.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was unterscheidet die <\/strong><em><strong>Chroniken eines Schwertes<\/strong><\/em><strong> als eine Fantasy-Saga?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">-Das ist wahrscheinlich eine Frage, die besser von einem Leser als von mir als Autor beantwortet werden kann. Aber wenn ich etwas hervorheben m\u00fcsste, dann w\u00e4re es wohl Ihr Blickwinkel. In der heutigen Fantasy-Literatur sehen wir oft eine einfache Verfolgung unserer mentalen Koordinaten in einer mittelalterlichen Landschaft. Ich habe es vor einiger Zeit bei der Ausstellung in Paris erw\u00e4hnt: Es gibt viele Fantasy-B\u00fccher, die man heute unter den Koordinaten des Agnostizismus oder eines gewissen immanenten Mystizismus, der Naturverehrung, einordnen k\u00f6nnte, die der mittelalterlichen Mentalit\u00e4t fremd sind. Ohne die Tatsache herunterzuspielen, dass es im Mittelalter auch vorchristliche Einfl\u00fcsse gibt, die mit dem Naturkult identifiziert werden k\u00f6nnen, scheint mir, dass ein Werk als \"mittelalterlich\" darzustellen und dann einen f\u00fcr das Mittelalter so zentralen Aspekt wie die Transzendenz auszulassen, die St\u00e4rke des Mittelalters verkennt, die gerade in diesem scheinbar widerspr\u00fcchlichen, aber gut gelungenen Spiel der Verbindung des Ewigen mit dem Verg\u00e4nglichen liegt. Ich bin vom Thema abgekommen und kehre nun zur\u00fcck: Was ich sagen will, ist, dass in <em>Chroniken eines Schwertes<\/em> Ich habe versucht, den Standpunkt einzunehmen, den ein mittelalterlicher Held gehabt haben k\u00f6nnte. So ist zum Beispiel das Kaiserreich keine tyrannische und unterdr\u00fcckerische Macht - antidemokratisch, wie wir heute sagen w\u00fcrden - sondern im Gegenteil die Verwirklichung des Traums von der Einheit der Menschheit. Die geistige Welt ist nicht etwas Esoterisches und Fernes, sondern etwas sehr Gegenw\u00e4rtiges, ja Konkretes, das die Protagonisten nicht grunds\u00e4tzlich anzweifeln. Die abstrakten Kategorien sind klar, die Nuancen liegen in den Charakteren, denen es nicht immer gelingt, mit dem, was sie zu glauben vorgeben, \u00fcbereinzustimmen. Ich glaube, dass diese Sichtweise des Romans das Genre erfrischen kann, indem sie es dazu bringt, seine Quellen zu entdecken, und gleichzeitig die Leser dazu bringt, ein wenig aus den vorherrschenden Denkstr\u00f6mungen herauszutreten, um unsere eigene Kultur zu beurteilen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie sind Sie zur Ver\u00f6ffentlichung gekommen?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211;<em>Chroniken eines Schwertes <\/em>ist meine \"Jugendgeschichte\": Ich begann sie im Alter von etwa 15 Jahren zu schreiben und beendete sie, als ich kurz vor dem Abschluss meines Jurastudiums stand. Zwischen der Fertigstellung und der Ver\u00f6ffentlichung vergingen fast sieben weitere Jahre... Tats\u00e4chlich beschloss ich, es zu ver\u00f6ffentlichen, als ich einen Verlag f\u00fcr meine Magisterarbeit in Literatur suchte, \u00fcber <em>El Cid<\/em> und die <em>Gedicht von Fern\u00e1n Gonz\u00e1lez<\/em>. Es war das Jahr, in dem die sozialen Unruhen in meinem Land, Chile, begannen, und ich arbeitete in einem B\u00fcro, das die Universit\u00e4t im Stadtzentrum unterh\u00e4lt, um denjenigen, die sich keinen Anwalt leisten k\u00f6nnen, Rechtsbeistand zu leisten, w\u00e4hrend ich gleichzeitig Studenten in der Rechtspraxis ausbildete. So kam ich mit allen Seiten des Problems in Ber\u00fchrung: mit den Bed\u00fcrfnissen der Menschen, die um unsere Hilfe baten, mit den jungen Menschen, die helfen wollten und die ich in meinen Studenten sah, und gleichzeitig mit denselben jungen Menschen, die etwas \u00e4ndern wollten, die aber auf der Stra\u00dfe oft zu einem Mob wurden, der hinter brennenden Barrikaden stand. Ich erkannte, dass es an einer Einheit fehlte und immer noch fehlt: ein Ideal, f\u00fcr das es sich zu k\u00e4mpfen lohnt, ohne dabei das gesamte soziale Gef\u00fcge zu zerrei\u00dfen. Da ich gerade meine Dissertation \u00fcber Epen abgeschlossen hatte, war ich mir der Tatsache bewusst, dass dies die Funktion von Heldenerz\u00e4hlungen ist. Und dann dachte ich: \"Ich habe eine heroische Geschichte geschrieben, die ein menschliches Ideal vorschl\u00e4gt, das heute aufgrund des vorherrschenden Obskurantismus verworfen zu werden scheint... vielleicht wird sie die Dinge nicht \u00e4ndern, aber vielleicht kann ich durch ihre Ver\u00f6ffentlichung meinen Teil dazu beitragen\". Und so begann ich zur gleichen Zeit, in der ich mich um die Ver\u00f6ffentlichung meiner Dissertation bem\u00fchte, das Abenteuer der Ver\u00f6ffentlichung von <em>Chroniken eines Schwertes<\/em>Dieses Abenteuer wurde erst im vergangenen Jahr mit dem \"Einzelband\" der f\u00fcnf Lieder abgeschlossen, und zwar dank der Hilfe von Vuelo \u00c1rtico, der Verlagsagentur, die das Projekt \u00fcbernommen hat.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gibt es irgendwelche bevorstehenden Projekte, die Sie planen?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">-Das wichtigste Projekt f\u00fcr mich ist jetzt der Abschluss meiner Doktorarbeit, das kreative Schreiben ist im Moment auf Eis gelegt. Aber ich mache mir immer wieder Notizen, was neue Geschichten sein k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allerdings gibt es bereits einen franz\u00f6sischen Verlag, der an der Ver\u00f6ffentlichung der Saga interessiert ist. Allerdings ist es mir noch nicht gelungen, das Hindernis der Finanzierung des \u00dcbersetzers zu \u00fcberwinden, ohne die keine Fortschritte erzielt werden k\u00f6nnen. Der andere Traum ist nat\u00fcrlich die \u00dcbersetzung ins Englische, um in die \"gro\u00dfen Ligen\" der <em>Fantasie.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe auch andere Geschichten \u00fcber das Universum der <em>Chroniken eines Schwertes<\/em> die heute in meinem Blog zu finden sind, <a href=\"https:\/\/www.benjaminfranzani.com\/\">Der wandernde Minnes\u00e4nger<\/a>und die vielleicht eines Tages als B\u00fccher das Licht der Welt erblicken werden: <em>Orencio und Elo\u00edsa<\/em> y <em>Der Gr\u00fcne Ritter.<\/em> Das erste ist fertig, das zweite ist ein Projekt von drei oder vier B\u00fcchern, von denen bisher nur das erste geschrieben wurde. Aber wie gesagt, das ist alles erst einmal auf Eis gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Se dice que los estudios de las humanidades est\u00e1n en crisis, que el nivel de reflexi\u00f3n, de comprensi\u00f3n lectora, de escritura y de la capacidad de construir un mundo interior est\u00e1 constantemente amenazado por las pantallas, especialmente entre los m\u00e1s j\u00f3venes, que pasan la mayor parte del d\u00eda con los ojos clavados en el m\u00f3vil. 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