{"id":344,"date":"2016-02-09T16:51:21","date_gmt":"2016-02-09T15:51:21","guid":{"rendered":"https:\/\/omnesmag.com\/?p=344"},"modified":"2025-03-03T12:35:09","modified_gmt":"2025-03-03T10:35:09","slug":"einige-aktuelle-aufgaben-fur-moral-theologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.omnesmag.com\/de\/recursos\/algunas-tareas-actuales-para-la-teologia-moral\/","title":{"rendered":"Einige aktuelle Aufgaben f\u00fcr die Moraltheologie"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Welche Rolle spielt die Moraltheologie heute - in der Kirche und in der Welt? Ich werde auf diesen Seiten kein vollst\u00e4ndiges Bild geben, um diese Frage zu beantworten. Ich m\u00f6chte mich nur auf einige grundlegendere Fragen konzentrieren und dabei die von Papst Franziskus ge\u00e4u\u00dferten Anliegen ber\u00fccksichtigen. Was sind die dringendsten Aufgaben?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um diese Frage zu beantworten, muss man sich vielleicht zun\u00e4chst fragen, in welchem Zustand sich unsere Welt befindet. Ohne auf die verschiedenen Diagnosen einzugehen, die vorgeschlagen wurden, kann man sagen, dass es eine weit verbreitete Haltung der Gleichg\u00fcltigkeit oder des Desinteresses gegen\u00fcber der Wahrheit gibt. Hinter dem Schein der Wahrheit verbirgt sich ein Kampf um die Macht (<a href=\"https:\/\/es.wikipedia.org\/wiki\/Michel_Foucault\">Foucault<\/a>), und die Suche nach dem Guten, Wahren und Sch\u00f6nen ist durch spontanes Handeln ersetzt worden. Einige Autoren bezeichnen unsere Gesellschaft als \"liquid society\" (Bauman), andere ziehen es vor, sie als \"performance society\" zu bezeichnen (Byung-Chul Han). Alle diese Diagnosen deuten auf das Ende der Disziplinargesellschaft hin, die auf der Existenz einer Autorit\u00e4t beruht. Jetzt hingegen hat das Handeln Vorrang, und es gibt kein Gut oder B\u00f6se au\u00dfer dem, was der Einzelne - oder die Mehrheit - entscheidet. Damit erf\u00fcllt sich die Maxime Nietzsches, f\u00fcr den das Heil nicht im Wissen, sondern in der Sch\u00f6pfung zu finden ist. Sch\u00f6pfung einer Sprache und daraus folgend einer Moral: Begriffe wie \"Schwangerschaftsunterbrechung\", \"w\u00fcrdevoller Tod\" oder \"Paarbeziehungen\" geben der neuen Moral Konturen, in der der Wille des Menschen entscheidet, was f\u00fcr ihn gut ist und was nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was kann die Moraltheologie vor diesem Hintergrund tun, wenn die Grundlagen eines rationalen Diskurses \u00fcber das Gute verschwunden sind? Was k\u00f6nnen wir erwarten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erstens ist es dringend notwendig, sich daran zu erinnern, dass Gott existiert und ein aktiver und engagierter Gott in der Welt ist. Es gibt eine Bejahung von <a href=\"https:\/\/www.omnesmag.com\/de\/ressourcen\/das-wesen-des-christentums-von-romano-guardini\/\">Romano Guardini<\/a>Die rein profane Welt gibt es nicht; aber wenn es einem eigensinnigen Willen gelingt, etwas zu erarbeiten, das dieser Art von Welt einigerma\u00dfen \u00e4hnlich ist, dann funktioniert diese Konstruktion nicht\"; was dann passiert: \"Ohne das religi\u00f6se Element wird das Leben so etwas wie ein Motor ohne Schmiermittel: Er erhitzt sich. In jedem Augenblick brennt etwas\" (III.5). Die Burnout-Gesellschaft ist genau der Titel einer der meistverkauften Denkschriften des letzten Jahres. Kurz gesagt, eine Gesellschaft, die der Wahrheit des Menschen und seiner Freiheit zuwiderl\u00e4uft, ist nicht zufriedenstellend. Auch eine Situation der Blindheit kann f\u00fcr den Menschen nicht zufriedenstellend sein. Papst Franziskus hat uns k\u00fcrzlich daran erinnert: \"Es gibt keine Systeme, die die Offenheit f\u00fcr das Gute, die Wahrheit und die Sch\u00f6nheit und die F\u00e4higkeit zu reagieren, die Gott in den Tiefen des menschlichen Herzens immer wieder ermutigt, vollst\u00e4ndig ausl\u00f6schen. Ich bitte jeden Menschen auf dieser Welt, diese W\u00fcrde nicht zu vergessen, die niemand das Recht hat, ihr zu nehmen\" (Laudato si', 205). Eine der Aufgaben der Moraltheologie besteht also darin, jeden Menschen an seine W\u00fcrde zu erinnern. Dies setzt jedoch voraus, dass sie ihren Platz im Leben der Kirche - und im Leben der Gl\u00e4ubigen - finden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Aufgabe der Moraltheologie<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den K\u00f6pfen vieler Menschen ist die Vorstellung von Moral als einer autorit\u00e4ren Instanz - die oft als autorit\u00e4r empfunden wird -, die aufzeigt, was erlaubt ist und was nicht, was s\u00fcndig ist und was nicht, immer noch pr\u00e4sent. Diese Auffassung neigt dazu, Autorit\u00e4t und Freiheit bzw. Recht und Freiheit einander gegen\u00fcberzustellen und die Moral dem ersten Glied dieser Binomien zuzuordnen. Ihre Aufgabe best\u00fcnde lediglich darin, die (negativen) Grenzen des menschlichen Handelns aufzuzeigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber ist dies eine angemessene Konzeption der Moraltheologie? Vielleicht k\u00f6nnte - und sollte - eine solche Kritik an bestimmten Moraltheologien ge\u00fcbt werden, die in das Extrem einer akribischen und verstreuten Kasuistik verfallen waren und keine organische und positive Vision des menschlichen Handelns boten. Es erscheint mir jedoch ziemlich unfair, diese Kritik jetzt, nach der erfolgten Erneuerung, zu \u00e4u\u00dfern. In den letzten Jahrzehnten sind zahlreiche Abhandlungen erschienen, die die moralische Botschaft Christi als einen \u00e4u\u00dferst positiven und organischen Vorschlag darstellen. Die Versuche waren so vielf\u00e4ltig wie die Ans\u00e4tze, mit denen das christliche Leben verstanden wurde: als kindliches Leben, als Nachfolge Christi, als Wandel im Licht der Liebe, als Antwort auf den Ruf, heilig zu sein, usw. In all diesen F\u00e4llen stellt sich die Moral nicht mehr als eine Liste von Verboten dar, sondern als eine Einladung: ein Vorschlag f\u00fcr ein Leben, das auf das Gl\u00fcck des Menschen abzielt, auf Erden und im Himmel.<br>So verstanden, besteht die Aufgabe der Moraltheologie darin, die Frauen und M\u00e4nner von heute daran zu erinnern, dass Gott einen Plan f\u00fcr jeden von uns hat. Gott hat uns geliebt und uns in einzigartiger Weise berufen - schon vor der Erschaffung der Welt (vgl. Eph 1,4) -, gl\u00fccklich zu sein, indem wir unser eigenes, durch Christus erl\u00f6stes Menschsein in F\u00fclle leben. Eine solche Darstellung st\u00f6\u00dft auf Herausforderungen, von denen ich im Folgenden einige nennen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Sch\u00f6nheit von Christus wiederentdecken<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Papst Franziskus hat einen alten Vorwurf aufgegriffen, als er die Christen daran erinnerte, dass sie nicht gewohnheitsm\u00e4\u00dfig ein \"Begr\u00e4bnisgesicht\" haben d\u00fcrfen, dass es nicht richtig w\u00e4re, ein \"Fastenchristentum ohne Ostern\" zu leben (Evangelii Gaudium, 6, 10). Es ist die alte Versuchung des \u00e4lteren Sohnes im Gleichnis, die darin besteht, einen traurigen, stumpfen Glauben zu leben, und die tief im Innern mit Neid auf das unmoralische Verhalten derer blickt, die ein Leben fern von Gott - oder zumindest fern von der Kirche - f\u00fchren. Ein Glaube, der in Gott einen Herrn sieht, f\u00fcr den man als Knecht arbeiten muss, in der Hoffnung auf einen gerechten Lohn am Ende. Ein Glaube, der im Willen Gottes eine Begrenzung der eigenen Freiheit sieht (vgl. Lk 15, 25 ff.).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts dieser Versuchung sticht eine der sichersten Wahrheiten des Christentums hervor: dass wir nicht Knechte, sondern Kinder sind, \"und wenn Kinder, dann Erben, Erben Gottes und Miterben Christi\" (R\u00f6m 8,17). Der Papst erinnert uns immer wieder daran, dass \"mit Jesus Christus die Freude immer neu geboren und wiedergeboren wird\" (Evangelii Gaudium, 1), denn in ihm erkennen wir einen Gott, der uns bedingungslos liebt, der nicht m\u00fcde wird, uns zu vergeben und uns in seine v\u00e4terliche Umarmung aufzunehmen, und der \"sich verantwortlich f\u00fchlt, das hei\u00dft, er w\u00fcnscht sich unser Wohl und m\u00f6chte uns gl\u00fccklich, voller Freude und heiter sehen\" (Misericordiae vultus, 9).<br>Es ist die Aufgabe der Moraltheologie, diese Einladung Gottes, die jeden Aspekt des menschlichen Lebens ber\u00fchrt, auf organische Weise darzustellen. Der heilige Johannes Paul II. erinnerte gerne an diese Lehre des Konzils: \"Das Geheimnis des Menschen wird nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes gekl\u00e4rt\", insofern Christus \"dem Menschen selbst den Menschen vollst\u00e4ndig offenbart und ihm die Erhabenheit seiner Berufung enth\u00fcllt\" (Gaudium et spes, 22). Jesus Christus ist das Licht der Welt, das die Probleme und Sorgen der Menschen erhellt. Sein Geheimnis ist f\u00fcr uns Ruf und Antwort zugleich und damit der Weg zum Vater. Ein Weg, der ebenso anspruchsvoll wie attraktiv ist. Auf ihm entdeckt der Mensch den Glanz der Wahrheit \u00fcber sich selbst und \u00fcber das, was ihm am wichtigsten ist: Leben und Tod, Ehe und Freundschaft, Arbeit und Leid.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Gewissen wecken<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach all dem Gesagten bleibt eine grunds\u00e4tzliche Frage: Wie kann man in einer Welt, der das Leiden der anderen gleichg\u00fcltig zu sein scheint, ein Gef\u00fchl f\u00fcr Gott wecken?<br>Das Zeugnis der Christen ist zweifellos ein wichtiger Teil der Antwort: \"Daran werden alle erkennen, dass ihr meine J\u00fcnger seid, wenn ihr euch untereinander liebt\" (Joh 13,35). Daneben ist es notwendig, die unerkannte Gegenwart Gottes im Herzen jeder Frau und jedes Mannes zu wecken. In der Suche nach Gl\u00fcck, nach Erf\u00fcllung, nach dauerhafter Liebe steckt eine Sehnsucht nach Gott, die wir erkennen helfen m\u00fcssen, wie die Enzyklika Spe Salvi in Erinnerung ruft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und es gibt auch eine wirkliche Gegenwart Gottes im moralischen Gewissen. Es ist gut bekannt, was der Selige schrieb <a href=\"https:\/\/www.omnesmag.com\/de\/fokus\/priester-heilige-heiliger-john-henry-newman\/\">John Henry Newman<\/a> in seinem Brief an den Herzog von Norfolk: \"Das Gewissen ist der Bote dessen, der sowohl in der Welt der Natur als auch in der Welt der Gnade durch einen Schleier zu uns spricht, uns belehrt und uns regiert. Das Gewissen ist der erste der Vikare Christi\" (Nr. 5). Das Gewissen ist das Licht, der Funke, den Gott in den Menschen gelegt hat, um das Gl\u00fcck auf dem Weg der Wahrheit und des Guten zu erlangen. In einer Welt, die sich auf das Individuum konzentriert, aber gleichzeitig nach Gl\u00fcck d\u00fcrstet und eine gewisse Sehnsucht nach dem Absoluten hat, ist der Weg des Gewissens ein weiterer, den die Moraltheologie zu erforschen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Papst Franziskus hat dies k\u00fcrzlich auf der Grundlage des \u00f6kologischen Bewusstseins getan. Das Umweltproblem ist f\u00fcr die heutige Welt moralisch relevant, es geht uns allen durch den Kopf, und wir erkennen darin einen Raum f\u00fcr Wahrheit und G\u00fcte. Ausgehend von der Sorge um die Umwelt und der dringenden Notwendigkeit einer echten Sorge f\u00fcr die Sch\u00f6pfung weist der Papst auf eine grundlegende Erg\u00e4nzung zur Umwelt\u00f6kologie hin: die Human\u00f6kologie. Dies impliziert \"etwas sehr Tiefgreifendes: die notwendige Beziehung des Lebens der Menschen mit dem moralischen Gesetz, das in ihrer eigenen Natur verankert ist, was notwendig ist, um eine w\u00fcrdigere Umwelt zu schaffen. Benedikt XVI. sagte, dass es eine '\u00d6kologie des Menschen' gibt, weil 'auch der Mensch eine Natur besitzt, die er respektieren muss und die er nicht nach Belieben manipulieren kann'\" (Laudato si', 155).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gewissen ist genau der Ort, an dem diese Wahrheit \u00fcber sich selbst und \u00fcber die Welt, \u00fcber das, was gut zu tun ist und wie man sich gegen\u00fcber seiner Umwelt und den anderen verhalten soll, f\u00fcr jeden Menschen offenbar wird. \"In der Tiefe seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, dem er aber gehorchen muss und dessen Stimme, wenn n\u00f6tig, in den Ohren seines Herzens erklingt\" (Gaudium et Spes, 16).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Schrei des Gewissens kann in der Lage sein, eine schlafende und gleichg\u00fcltige Welt zu wecken, sofern er nicht dadurch neutralisiert wird, dass man ihn als Bollwerk der Subjektivit\u00e4t begreift, was er in Wirklichkeit nicht ist, denn auch das Gewissen r\u00fchrt. Denn \"die W\u00fcrde des Gewissens leitet sich immer von der Wahrheit ab: im Falle eines aufrechten Gewissens handelt es sich um die objektive Wahrheit, die der Mensch akzeptiert; im Falle eines irrigen Gewissens geht es darum, was der Mensch, der sich irrt, subjektiv f\u00fcr wahr h\u00e4lt\" (Veritatis splendor, 63).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Weg der Barmherzigkeit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An dieser Stelle ist es m\u00f6glich, zu dem zur\u00fcckzukehren, was wir zuvor gesehen haben. Die wahre Antwort auf diesen Schrei des Gewissens ist Jesus Christus. Das B\u00f6se, das ein Mensch begangen hat, kann gro\u00df sein, das B\u00f6se in der Welt kann unertr\u00e4glich werden: Das zwanzigste Jahrhundert hat das bezeugt. Die Christen wissen jedoch, dass dies nicht das letzte Wort ist. Gott hat gesprochen. Johannes Paul II. schrieb in seinem letzten Buch: \"Die Grenze, die dem B\u00f6sen, dessen Ursache und Opfer der Mensch ist, auferlegt wird, ist letztlich die g\u00f6ttliche Barmherzigkeit\" (Erinnerung und Identit\u00e4t, 73).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Papst Franziskus erinnert uns jetzt mit besonderer Dringlichkeit daran und ermutigt uns, die bedingungslose Liebe Gottes zu den Menschen wiederzuentdecken, um sie in den Mittelpunkt der Mission der Kirche zu stellen. Die Barmherzigkeit ist die erste Manifestation der Allmacht Gottes, und sie mu\u00df auch die erste Botschaft der Braut Christi sein, so da\u00df, wie er in der Einberufungsbulle zum Au\u00dferordentlichen Jubil\u00e4um der Barmherzigkeit schreibt: \"Die Glaubw\u00fcrdigkeit der Kirche geht \u00fcber den Weg der barmherzigen und mitf\u00fchlenden Liebe\" (Nr. 10).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Worin aber besteht die Barmherzigkeit, wie wird sie gelebt, in welchem Verh\u00e4ltnis steht sie zu Wahrheit und Gerechtigkeit? Dies sind Fragen, die nicht aufgeschoben werden k\u00f6nnen, weil sie praktische Auswirkungen auf die normale Seelsorge der Kirche haben. Auf jeden Fall sollten wir bedenken, dass wir Menschen zwar Konflikte zwischen Barmherzigkeit und Wahrheit, zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit haben k\u00f6nnen, aber wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass sie in Gott identisch sind. Es w\u00e4re ein Fehler, in den banalen Anthropomorphismus zu verfallen, der von Widerspr\u00fcchen ausgeht, die es bei Gott nicht geben kann. Dennoch bleibt die Frage offen: Was bedeutet es im Leben der Kirche konkret, diesen \"Weg der barmherzigen und mitf\u00fchlenden Liebe\" zu gehen? Auf diese Frage muss die Moraltheologie ebenso wie auf die vorangegangenen Fragen eine Antwort geben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sicherlich ist ein Teil davon bereits in der Aufforderung zu finden, Gleichg\u00fcltigkeit abzulehnen, und in den Haltungen des Mitgef\u00fchls, der Offenheit und des Willkommens, die Papst Franziskus so oft hervorgehoben hat - in Worten und in unz\u00e4hligen Gesten. Derjenige, der den reuigen S\u00fcnder aufnimmt, ist jedoch nicht am Ziel, sondern am Anfang des Weges. Das g\u00f6ttliche Modell, das sich in der Heilsgeschichte offenbart, ist anders. Denken Sie nur an die Geschichte des Exodus, die die Kirche jedes Jahr in der Fastenzeit liest: Aufnahme und Vergebung und dann weiter auf dem Weg der Begleitung. Immer wieder vergibt der Herr seinem Volk, nimmt seinen Wunsch nach Erneuerung auf und erinnert es an seine tiefste Berufung und an den Weg, der es zu einem Leben als seine geliebten Kinder f\u00fchrt. Es ist die Geschichte des treuen, barmherzigen und gn\u00e4digen Gottes. Gerade einer der Namen f\u00fcr Barmherzigkeit im Alten Testament, hesed, hat viel mit g\u00f6ttlicher Treue zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Derselbe Gedanke findet sich auch im Neuen Testament. Jesus nimmt S\u00fcnder und Kranke auf, vergibt ihnen ihre S\u00fcnden, k\u00fcmmert sich um ihre Gebrechen und l\u00e4sst sie dann, wie Bartim\u00e4us, ihm auf dem Weg folgen (vgl. Mk 10,52). \"Geh hin und s\u00fcndige nicht mehr\", sagt er zu der Ehebrecherin, nachdem er ihr vergeben hat (Joh 8,11). Barmherzigkeit hei\u00dft also, aufzunehmen, und Barmherzigkeit hei\u00dft auch, zu begleiten, das hei\u00dft, dem Licht Christi in den Seelen immer mehr Raum zu geben, den Seelen zu helfen, \"in der Wahrheit zu wandeln\" (vgl. 2. und 3. Joh.). Man k\u00f6nnte sagen, dass die Vergebung das Tor zu dem erneuerten Leben ist, das Christus jedem Menschen anbietet; der Beginn des Lebens nach dem Geist, den Christus geschenkt hat, der sich so oft im Leben eines Menschen wiederholt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vom Gef\u00fchl zur tugendhaften Haltung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um zu verstehen, dass es keinen Widerspruch zwischen Barmherzigkeit und Wahrheit gibt, muss man die Barmherzigkeit als blo\u00dfes Gef\u00fchl von der Barmherzigkeit als tugendhafte Haltung der N\u00e4chstenliebe unterscheiden. In meiner seelsorgerischen Erfahrung ist es mir immer wieder passiert, dass ich, wenn ich mit jemandem konfrontiert war, der mir sein inneres Leid schilderte, spontan ein Gef\u00fchl des Mitleids und den intensiven Wunsch versp\u00fcrte, etwas zu sagen oder zu tun, um den Schmerz des anderen zu lindern. Aber wenn man von diesem anf\u00e4nglichen Gef\u00fchl zum Handeln \u00fcbergehen will, das hilft und versucht, das Problem zu l\u00f6sen, muss man seine Intelligenz einsetzen und sich fragen: Was sind die Ursachen f\u00fcr diese traurige Situation, was k\u00f6nnten die Abhilfen sein? Meine Erfahrung aus 40 Jahren als Priester ist, dass es mir nie gelungen ist, etwas zu regeln, indem ich mich auf falsche Daten gest\u00fctzt oder die Realit\u00e4t verschwiegen habe. Es ist, als w\u00fcrden wir einer Person, die mit einer tiefen und sehr schlecht aussehenden Wunde zu uns kommt, sagen: \"Keine Sorge, es ist nichts, es ist keine schmerzhafte Desinfektion n\u00f6tig, es wird von selbst heilen\". Diese freundliche Leichtigkeit ist oft sehr kostspielig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Desinfektion ist manchmal l\u00e4stig. Deshalb ist die Botschaft von Christus auch manchmal kostspielig. Es bedeutet, schwierige Entscheidungen zu treffen und mit schmerzhaften Situationen fertig zu werden. Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass das Leben Jesu durch den Baum des Kreuzes hindurchgeht, der, wie die V\u00e4ter betonten, das Gegenst\u00fcck zu dem Baum ist, der von der ersten S\u00fcnde zeugte. So ist die Barmherzigkeit, die im Opfer Christi ihren h\u00f6chsten Ausdruck findet, auch eine offene T\u00fcr zur Demut. Man muss lernen, sich von Gott lieben zu lassen und zu erkennen, dass die eigene Existenz nicht nur eine Aufgabe ist, die es zu erf\u00fcllen gilt, sondern vor allem ein Geschenk, das man erh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht ist gerade dies der schwierigste Teil f\u00fcr die heutige Welt, die so sehr von oberfl\u00e4chlicher Eitelkeit und kindlicher Selbstgen\u00fcgsamkeit gepr\u00e4gt ist. Es ist etwas, das Papst Franziskus sehr zu bedenken scheint: \"Es ist nicht leicht, diese gesunde Demut und gl\u00fcckliche N\u00fcchternheit zu entwickeln, wenn wir autonom werden, wenn wir Gott aus unserem Leben ausschlie\u00dfen und unser Selbst an seine Stelle tritt, wenn wir glauben, dass es unsere eigene Subjektivit\u00e4t ist, die bestimmt, was richtig und was falsch ist\" (Laudato si', 224). Der Barmherzigkeit zu begegnen hei\u00dft auch, sich von ihr \u00fcberraschen und f\u00fchren zu lassen von dem, der zu uns sagt: \"Komm und folge mir nach\". Dies erfordert eine Haltung der Demut und der Offenheit, was bedeutet, dass wir nicht mehr bestimmen wollen, was richtig und was falsch ist, sondern dass wir unser Handeln vom Guten, Wahren und Sch\u00f6nen bestimmen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">All dies verlangt von der Moraltheologie das Bem\u00fchen, immer wieder aufs Neue den Weg der Vergebung und der Nachfolge vorzuschlagen, damit das Licht Christi im Gewissen und im Leben der Christen immer heller leuchtet. So wird das, was als eine vielleicht unerwartete Begegnung mit der Umarmung des Vaters begann, im Leben des Kindes gipfeln, das nur von der Liebe bewegt wird.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bfQu\u00e9 papel corresponde hoy \u2013en la Iglesia y en el mundo\u2013 a la teolog\u00eda moral? No voy a hacer en estas p\u00e1ginas un cuadro completo para responder a esta pregunta. Quisiera fijarme solamente en algunas cuestiones m\u00e1s fundamentales, ateni\u00e9ndome a las preocupaciones manifestadas por el Papa Francisco. \u00bfCu\u00e1les son las tareas m\u00e1s urgentes? Para dar [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":12510,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_members_access_role":[],"_members_access_error":""},"categories":[537],"tags":[455,496],"class_list":["post-344","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-recursos","tag-sacerdotes","tag-teologia"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Algunas tareas actuales para la teolog\u00eda moral<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"\u00bfQu\u00e9 papel corresponde hoy en la Iglesia y en el mundo a la teolog\u00eda moral? 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