“Zentrum für Frauen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten” – so definiert es sich selbst. Astier-Stiftung Auf ihrer Website steht es, und es entspricht ziemlich genau der Wahrheit. Als wir das Haus betraten, umfing uns eine überwältigende Wärme, die die Kälte draußen im Nu vertrieb. Wir begrüßten uns herzlich und umarmten uns ohne Zögern. Ein neues Gesicht war etwas Besonderes, und im Laufe des Gesprächs tauchten immer mehr Fragen auf.
In Astier leben 149 Frauen mit Behinderung Das Zentrum mit seinem intellektuellen Schwerpunkt beschäftigt rund 120 Fachkräfte und etwa 60 Freiwillige. Doch hinter diesen Zahlen stehen echte – und freundliche – Gesichter, die uns willkommen heißen. Geprägt vom unverwechselbaren Charisma der Mercedarier, blickt dieses Zentrum auf eine 134-jährige Geschichte zurück und hat eine vielversprechende Zukunft vor sich.
Isabel kommt mit ihrem Farbkoffer und wartet. Wegen des Interviews haben wir den Raum belegt, in dem sie normalerweise um diese Zeit malt, und natürlich sind Routinen eben Routinen. Sie begrüßt uns schüchtern und willigt ein, für heute zu gehen und uns später wiederzusehen. Sie verweilt jedoch noch eine Weile im Flur und schaut immer wieder heraus, um zu fragen, wie lange es noch dauern wird.
Wisch dir alle Tränen ab
Die heutige Astier San José Center Foundation hat ihren Ursprung im Jahr 1892, als Doña Sofía Astier y Balboa, eine sensible, engagierte und großherzige Frau, angesichts der sozialen Ungleichheiten ihrer Zeit das San José Asylum in der Ayala Street 49 für “behinderte” Frauen gründete, die nicht in der Lage waren, für sich selbst zu sorgen.
Jahre später, im Jahr 1913, übernahm die Kongregation der Mercedarierinnen der Nächstenliebe, die das von ihrem Gründer, dem seligen Juan Zegrí, hinterlassene Charisma der erlösenden Nächstenliebe lebte, diese soziale Arbeit.
Angesichts der Bewohnerzahlen und des Bedarfs des Zentrums beschloss man 1972, an den heutigen Standort in Alcalá de Henares bei Madrid umzuziehen. Neunzehn Schwestern und 192 Frauen leiteten die Gründung des damaligen San José Zentrums.
“Alle Wunden heilen, alle Leiden lindern, allen Kummer besänftigen, alle Not vertreiben, alle Tränen trocknen und, wenn möglich, keinen einzigen Menschen auf der ganzen Welt verlassen, leidend, hilflos, ohne religiöse Bildung und ohne Mittel zurücklassen” – so lautete die Mission, die Pater Zegrí vorschlug. Loli, seit 25 Jahren Krankenpflegehelferin und Mitglied des Seelsorgeteams, erinnert sich gut daran.
In jenen Jahren gab es keine allgemeine Sozialversicherung, und Behinderung wurde verschwiegen. Zegrí war zu seiner Zeit ein Visionär: Er verstand, dass die erste Armut die fehlende Anerkennung ist, und beschloss, diesen Frauen die ihnen gebührende Würde zu verleihen.
Würde vor Wohlfahrt
Jahrzehntelang funktionierte das Zentrum wie eine große Familie: Diejenigen mit größerer Selbstständigkeit halfen zusammen mit den Schwestern denjenigen, die mehr Unterstützung benötigten. Mit der Zeit, nach über einem halben Jahrhundert, wurde die vollständige Professionalisierung unerlässlich. Astier hat den Wandel von einem traditionellen Pflegemodell zu einem auf den Einzelnen ausgerichteten Modell miterlebt.
An der Spitze steht Borja Lucas González, der erste weltliche Leiter des Zentrums. Unter seiner Führung gliedert sich das Zentrum in drei Bereiche, die von einem Kuratorium geleitet werden, das weiterhin aus Mercedarierinnen besteht. Diese Bereiche sind: erstens der technische Bereich (Soziales, Psychosoziales und Gesundheitswesen); zweitens die Entwicklung (Kommunikation, Partnerschaften, Innovation und Qualität); und drittens das Wohl (Personal, Dienstleistungen und Instandhaltung). Ordnung und Professionalität dienen einem viel tieferen Zweck: der Würde.
“Früher gab es eine andere Auffassung von Pflege”, erklärt Borja. “Krankheiten vorzubeugen, für Sauberkeit und gute Pflege zu sorgen, war grundlegend. Das ist nach wie vor wichtig. Aber heute verstehen wir, dass das Wesentliche darin besteht, was jeden Menschen einzigartig macht, was sein Lebensprojekt ist.”.
Es geht nicht mehr nur um Pflege, sondern darum, die Existenz jeder Frau anzuerkennen und ihr einen Platz in der Gesellschaft zu geben. Ziel ist es, die Würde und die Teilhabe von Frauen mit geistiger Behinderung zu fördern.
Nähe als Führungskraft
Borja kam 2008 als Krankenpfleger zur Stiftung. “Ich habe mich in dieses Haus und die Gemeinschaft verliebt, die eine tiefe Berufung zum Dienst an anderen hat”, gesteht er. Vor fünf Jahren übernahm er die Leitung von Astier. Er besucht die Stationen täglich, spricht mit Mitarbeitern und Bewohnern und ermittelt den Bedarf vor Ort. “Es ist eine schöne und sehr sinnstiftende Aufgabe, aber auch anstrengend und intensiv.”.
Da sie in verschiedenen Bereichen des Krankenhauses gearbeitet hat, bestätigt sie, dass die Stiftung eine umfassendere Sicht auf Gesundheit ermöglicht, einschließlich Prävention und gemeindenaher Versorgung: “Hier versteht man, welche Dimensionen jeden Menschen zu einem Menschen machen.”.
Sie spricht von einer zugänglichen Führung, Mentoring in einer Kultur des Wandels und der Humanisierung der Einrichtung: Jede Frau soll die Hauptrolle in ihrem eigenen Lebensprojekt spielen. “Ich wünsche mir, dass Astiers Beispiel den Sektor dazu inspiriert, den einzig möglichen Weg einzuschlagen: Menschen mit Behinderungen als Menschen zu behandeln.”.
In einer von Masken geprägten Geschäftswelt lobt Borja die Natürlichkeit der Bewohnerinnen. “Sie sind spontan in einer Welt, in der wir alle ständig Masken tragen.” Und obwohl er einräumt, dass es natürlich Schwierigkeiten gibt, hebt er die Herzlichkeit und Sensibilität der Frauen von Astier hervor.
Ein Tag in Astier
“Kein Tag gleicht hier dem anderen”, lächelt Loli. Dann zählt sie eine Reihe von Routinen auf: Aufstehen, Duschen, Anziehen, Frühstücken, Teilnahme an Workshops, je nach den individuellen Fähigkeiten. Tägliche Gewohnheiten, die die Selbstständigkeit fördern: Zähneputzen, Körperpflege, Aufräumen des eigenen Zimmers.
Es gibt Sonntage Masse In der Kapelle werden die liturgischen Feste und Feierlichkeiten gemeinsam mit der Mercedariergemeinschaft begangen, und viele Familien nehmen daran teil. Der mercedarische Glaube und das Charisma prägen das Haus. “Die Schwestern haben uns beigebracht, wie wir unsere Arbeit verrichten”, sagt Loli.
Das Leben in Astier beschränkt sich jedoch nicht auf das Zentrum. Die Bewohner besuchen Universitäten, Institute und Unternehmen. Sie erzählen ihre Geschichten, erklären, wer sie sind, und bauen Vorurteile ab.
Sie verfügen außerdem über ein Auditorium, in dem Aufführungen, Musik und Tanz stattfinden, wodurch stets Freundschaften und gute Beziehungen gefördert werden: “Wir versuchen, Räume zu schaffen, in denen die Atmosphäre so freundlich, angenehm und unterhaltsam wie möglich ist. Hier singen, tanzen und machen die Leute alle möglichen Dinge”, erklärt Loli.
Wenn eine neue Frau ankommt – oft weil ihre Eltern alt geworden sind und sich nicht mehr um sie kümmern können – verfliegt die anfängliche Angst meist schnell. “Die Erfahrung zeigt, dass sie Beziehungen zu Gleichaltrigen finden und eine Welt entdecken”, sagt Borja.
Eine Erweiterung der Familie
Lolis Arbeit ist zwar in erster Linie “praktisch”, doch oft geht es dabei auch ums Töten vieler Tränen – ein Gedanke, den Pater Zegrí immer wieder betonte. Sie ist mit Leidenschaft und Hingabe bei der Sache und möchte noch lange nicht in Rente gehen.
Als sie spricht, füllen sich ihre Augen mit Tränen: “Ich würde diesen Job für nichts auf der Welt eintauschen.” Sie erinnert sich daran, ihre Bewerbung abgeschickt zu haben, ohne etwas über Behinderung zu wissen. Heute ist Astier nicht nur ihr Arbeitsplatz, sondern auch ihr Zufluchtsort: “Oft komme ich mit Sorgen hierher … aber sobald ich durch die Tür gehe, vergesse ich alles.”.
Sie sagt, die Bewohner spürten ihre Stimmung mit erstaunlicher Feinfühligkeit: “Wenn ich kränklich aussehe, fragen sie mich sofort, was los ist.” Manche erkennen ihre Schritte im Flur und rufen ihren Namen, noch bevor sie sie sehen. Eine Art sechster Sinn, der zu diesen “außergewöhnlichen Fähigkeiten” gehört.
Sie hat eine Lektion gelernt, die sie fast wie eine Gewissensprüfung wiederholt: Gutes im richtigen Moment zu tun. Sie erinnert sich an eine verstorbene Bewohnerin, der sie an ihrem letzten Tag einen kleinen Gefallen nicht mehr tun konnte. “Man muss die Dinge immer im Augenblick tun, denn später kann es zu spät sein.” In Astier werden zwar Tränen getrocknet, aber es wird mehr Freude empfangen als gegeben.
Für Loli sind die Häftlinge Teil ihrer Familie: “Ich liebe sie wie meine Familie, wirklich, denn natürlich kenne ich sie und sie kennen mich”, sagt sie und hebt hervor, wie sie ihr beigebracht haben, jeden Moment zu schätzen und ein besserer Mensch zu werden.
Sei mutig und bewahre deinen Sinn für Humor.
Charo ist 72 Jahre alt und lebt seit ihrem 18. Lebensjahr in Astier. Sie kam genau zu dem Zeitpunkt an, als das Haus nach Alcalá umzog. Sie ist aufgrund eines Schlaganfalls blind. Früher schrubbte sie Treppen von oben bis unten; jetzt strickt sie mit erstaunlicher Präzision: “Alle sagen, es sieht aus, als würde ich es mit einer Maschine machen.” Ihre neue Situation hat ihr geholfen, neue manuelle Fähigkeiten und ein besseres Gedächtnis zu entwickeln, vor allem aber eine positive Lebenseinstellung.
Sie erinnert sich daran, wie sie als junge Frauen den Kleinen halfen: sie badeten, wenn es keine Duschen gab, sie anzogen und, wenn Zeit war, die Betten machten: “Wir haben dieses Haus zusammen mit meinen Freundinnen im Himmel und den Schwestern am Laufen gehalten.” Nachdem sie ihr Augenlicht verloren hatte, entwickelte sie ein taktiles Gedächtnis und eine erstaunliche Fähigkeit, Farben in ihrem Kopf zu ordnen. “Es gibt viele wichtige Dinge in meinem Leben: meinen Blindenstock und meine Träume”, sagt sie.
Sie ist diejenige, die zu jeder Aktivität ‘Ja’ sagt: Sie hat Stadtführungen geleitet, wurde für Dokumentarfilme gefilmt und ist bei Veranstaltungen immer dabei. Sie ist die ideale Botschafterin für das Haus. Zu Weihnachten und im Sommer verbringt sie Zeit mit ihren Geschwistern und Neffen; die Familie ist immer da. “Für mich ist Astier wie ein zweites Zuhause. Mir fehlt es hier an nichts. Es gibt Menschen, die nirgendwo hin können; für mich ist dieser Ort einladend.”.
Auf seine Heiterkeit angesprochen, lacht er und antwortet: “Das liegt einfach in meiner Natur. Man muss mutig sein und seinen Humor bewahren, wenn man vor Schwierigkeiten steht.” Und er gibt allen, die ihr Augenlicht verlieren, einen praktischen Rat: “Verliert nicht euer Gedächtnis, euren Tastsinn, eure Intelligenz oder eure Lebensfreude.”.
Außergewöhnliche Fähigkeiten
Der kulturelle Wandel in Astier ist auch in der Atmosphäre spürbar. Bei der jüngsten Renovierung wurden die Bewohnerinnen der ‘Villa Delta’ aktiv in den Prozess einbezogen. “Wie möchten Sie Ihr Zuhause gestalten?”, fragt Borja. Jede Frau wurde ermutigt, ihr Zimmer individuell zu gestalten und zu pflegen – nicht als rein dekoratives Element, sondern als Ausdruck ihrer Persönlichkeit.
Jahrelang war Behinderung ein Tabu. Heute besuchen diese Frauen Unternehmen, Universitäten und Kirchen. Sie präsentieren sich unbefangen. Die Stiftung arbeitet auch an der externen Kommunikation, damit Familien und Institutionen das Modell kennenlernen und anpassen können. Soziale Integration ist gelebte Praxis.
“Gottes Lieblinge sind die Schwächsten”, erinnert uns Loli. Hier bedeutet dieser Satz: Gesundheitsversorgung, psychologische Unterstützung und spirituelle Begleitung – alles unter starker professioneller Leitung. Es geht darum, eine Familie zu sein.
Die Stiftung hat Anerkennung erhalten, ohne diese angestrebt zu haben. Fachleute haben erklärt: “Was ich hier gesehen habe, ist mir sonst nirgends begegnet.” Das personenzentrierte Modell findet zunehmend Anwendung. Die gewonnenen Erkenntnisse sind für andere Einrichtungen und Familien, die Rat suchen, von Nutzen.
In Zeiten, in denen Wert an Produktivität gemessen wird, vertritt Astier eine radikalere Ansicht: Jedes Leben, ob mit oder ohne Behinderung, besitzt unendlichen Wert. Und wenn man ihm Raum gibt, diesen Wert zu entfalten, können außergewöhnliche Fähigkeiten – in hohem Maße – zum Vorschein kommen.





