Kultur

Spricht Jesus Hebräisch oder Aramäisch?

Hebräisch und Aramäisch existierten zur Zeit Jesu neben Griechisch und Latein in einem sprachlichen Kontext, der dazu beiträgt, den Hintergrund der Evangelien besser zu verstehen.

Gerardo Ferrara-20. September 2026-Lesezeit: 6 Minuten
Hebräisch, Aramäisch

Im ersten Artikel, der dem Hebräischen gewidmet war, haben wir gesehen, wie diese Sprache, die jahrhundertelang als tot galt, zwischen dem Ende des 19. und dem 20. Jahrhundert wieder gesprochen wurde, bis sie zur Amtssprache des Staates Israel wurde, ähnlich wie Latein wieder zur Verkehrssprache eines modernen Landes wurde.

Heute stellen sich immer mehr Gelehrte die Frage: Wurde zu Jesu Zeiten noch Hebräisch gesprochen? Oder kommunizierten Christus und seine Zeitgenossen ausschließlich auf Aramäisch?

Die Sprache Jesu: Aramäisch?

Beginnen wir mit einer unumstößlichen Tatsache: Jesus war Jude Er lebte in einem jüdischen Umfeld. Als frommer Jude wurde von ihm erwartet, dass er die jüdischen Schriften, das Alphabet und das Gesetz kannte. Die Tatsache, dass er sich auch mit den Gelehrten seiner Zeit auseinandersetzen konnte, beweist, dass sein Wissen in Glaubensfragen nicht dem eines Anfängers entsprach. Folglich wurde von ihm erwartet, dass er das klassische Hebräisch beherrschte, die heilige Sprache, die nicht nur für das Studium der Schriften, das Gebet, das nationale Gedächtnis und die religiöse Reflexion verwendet wurde.

Zweifellos hatte das Hebräische im ersten Jahrhundert n. Chr. seinen Status als vorherrschende gesprochene Sprache in dem Gebiet, das heute als Palästina bekannt ist, verloren.

Stattdessen hatte sich das Aramäische nicht nur als «vulgäre» Sprache, also als Sprache des Alltags, herausgebildet, sondern vielmehr als “Lingua franca”, die sich im gesamten Nahen Osten als Kommunikationsmittel nicht nur im täglichen Leben, sondern auch in administrativen und kulturellen Belangen verbreitete, und zwar in einem solchen Maße, dass einige Passagen des Alten Testaments in dieser Sprache verfasst sind: Teile der Bücher Esra und Daniel sowie einzelne Wörter oder Ausdrücke in anderen Texten. .

Diese Situation erklärt die “Targumim”, aramäische Übersetzungen und Paraphrasen der Bibel, die für die öffentliche Lesung und Erklärung der heiligen Texte gedacht waren (man denke an die Lesungen und Kommentare Jesu in der Synagoge von Kapernaum und anderswo) für das einfache Volk, das hauptsächlich diese Sprache sprach.

Daher kann man sagen, dass Jesus gewohnheitsmäßig Aramäisch sprach, sowohl aufgrund der bereits erwähnten Gründe als auch, weil in den Evangelien selbst bestimmte Ausdrücke oder Begriffe, die er verwendete, getreu in dieser Sprache aufgezeichnet sind: “Abba, Talit kum, effatá, Eloí, Eloí, lemá sabachtáni” (wahrscheinlich ein Bezug auf ein “Targum”).

Wir haben jedoch deutlich gemacht, dass er auch Hebräisch beherrschen musste. Bedenkt man zudem, dass Palästina zu jener Zeit ein Land war, in dem verschiedene Sprachen, Kulturen und Religionen nebeneinander existierten, ist es plausibel, dass Jesus und seine Jünger zumindest über Grundkenntnisse des Griechischen verfügten, der Verwaltungs- und Handelssprache des östlichen Teils des Römischen Reiches.

Aramäisch

Hebräisch und Aramäisch sind zwar Schwestersprachen, aber nicht ein und dieselbe Sprache. Beide gehören zur Gruppe der nordsemitischen Sprachen; Hebräisch ist Teil der kanaanäischen Untergruppe (zusammen mit Phönizisch, Moabitisch usw.). Ein einfacher, aber anschaulicher Vergleich für die Leserschaft wäre folgender: Aramäisch ist mit Hebräisch in etwa so verwandt wie Rumänisch mit Italienisch.

Das Ursprungs- und Entwicklungsgebiet des Hebräischen war das Land Kanaan (nicht nur Palästina, sondern auch der Libanon und Teile Syriens und Jordaniens), während das des Aramäischen die Regionen Syriens um Damaskus waren, von wo aus es sich, insbesondere zwischen dem 5. und 4. Jahrhundert v. Chr., im gesamten Nahen und Mittleren Osten, von Ägypten bis Afghanistan, ausbreitete. 

Aramäisch blieb mindestens bis ins 7. Jahrhundert die Verkehrssprache dieser Region, als es allmählich vom Arabischen verdrängt wurde, obwohl es nicht vollständig verschwand. Schon vor der islamischen Eroberung hatte es sich jedoch in verschiedene Varietäten aufgespalten: Judäo-Aramäisch, Samaritanisch, Nabatäisch (vom Arabischen beeinflusst und seinerseits das Arabische, insbesondere das Alphabet, das vom Nabatäischen abstammt, prägte), Palmyrenisch und Syrisch (eine der Hauptsprachen der Region). Östliches Christentum und welche auch arabische) und andere beeinflussten.

Und Hebräisch?

Bis 1947 waren viele Gelehrte davon überzeugt, dass nach dem babylonischen Exil das Hebräische als gesprochene Sprache zugunsten des Aramäischen endgültig aufgegeben worden war.

Die Entdeckung der Qumran-Manuskripte hat jedoch zu einer Neubewertung dieser Idee geführt, da in den in den berühmten Höhlen gefundenen Texten eine hebräische Sprache entdeckt wurde, die nicht nur in der Liturgie und im religiösen Kontext, sondern auch in der Poesie und Korrespondenz von Gemeinschaften lebendig war, die zeitgleich mit oder chronologisch nahe an Christus lebten.

Es besteht auch die Überzeugung, dass in der hebräischen Sprache eine weiterentwickelte Form des Hebräischen existiert als die biblische – das Mischna-Hebräisch, das wir bereits besprochen haben. Bezug genommen — war diejenige, die in einigen Kreisen Judäas tatsächlich gesprochen wurde, bis zum Bar-Kochba-Aufstand und der fast vollständigen Vernichtung der jüdischen Präsenz in Palästina durch die Römer im Jahr 135 n. Chr.

Die Sprache des Volkes

Stellen wir uns Jerusalem im Jahr 30 n. Chr. vor: ein Tempel, überfüllt mit Juden und Proselyten aus aller Welt, Fremden, Römern, Griechen und … Galiläern. Diese Galiläer sprachen zudem dieselbe Sprache wie die Juden (wie wir gesehen haben, Aramäisch in seiner umgangssprachlichen Form, nicht das «klassische» Aramäisch), doch den Chroniken zufolge genossen sie kein hohes Ansehen, sowohl wegen ihres aufbrausenden Temperaments als auch wegen ihrer als etwas derb empfundenen Ausdrucksweise.

Spätere rabbinische Quellen im Talmud berichten, dass Witze über die Galiläer aufgrund der "verwirrenden" Aussprache einiger gutturaler Konsonanten: "Aleph, He, ḥet und 'Ajin", Buchstaben, die alle ihren eigenen, unverwechselbaren Klang haben, aber in Galiläa auf die gleiche Weise artikuliert wurden.   

In einer Anekdote beispielsweise verspotten sie einen Galiläer, der einen Markt betritt und nach etwas fragt, das ungefähr so klingt wie «lieben». Der Händler antwortet: «Du törichter Galiläer! Suchst du einen Esel zum Reiten (ḥamār), Wein (hamar), Wolle ('amar) oder ein Lamm ('immar) zum Opfer?‘. 

Sogar die Evangelien bestätigen, dass Petrus während der Passion Christi als Galiläer erkannt wird, weil ihn sein Akzent verrät.

Das wäre so ähnlich wie heute in Italien, wo man einen Toskaner an der «gorgia» (Aspiration des Buchstabens «c», sodass «Haus» wie «hasa» ausgesprochen wird) erkennt, oder in Spanien, wo man einen Andalusier an der Aussprache (oder dem Fehlen der Aussprache) des abschließenden «s» erkennt.

Hier zeigt sich in der Praxis die vielfältige Sprachlandschaft jener Zeit:

  • Hebräisch: liturgische, kultivierte Schriftsprache, möglicherweise auch Umgangssprache für einige soziale Schichten und Gemeinschaften in Judäa;
  • Aramäisch: Volkssprache, Sprache der Märkte, des Alltagslebens (in ihren verschiedenen Varianten);
  • Griechisch: eine Verkehrssprache und Verwaltungssprache, die aber auch in einigen «heidnischen» Gebieten wie z. B. vorherrschend war. Dekapolis ;
  • Lateinisch: vor allem in der Armee und unter den römischen Notabeln vertreten.

Carmignac und der semitische Hintergrund

In diesem Kontext ist das Werk von Jean Carmignac, einem bedeutenden Gelehrten der Qumran-Handschriften, zu verorten. Carmignac vertrat die Ansicht, dass das Matthäusevangelium ursprünglich auf Hebräisch verfasst wurde und dass die anderen synoptischen Evangelien zumindest teilweise auf sehr alten semitischen Quellen beruhen. Er glaubte außerdem, dass Jesus das Vaterunser auf Hebräisch gelehrt habe.

Obwohl viele Exegeten seine These nicht teilen, hat seine Arbeit die Aufmerksamkeit erneut auf die Notwendigkeit gelenkt, den semitischen Hintergrund der Evangelien . Tatsächlich erlauben uns die Qumran-Manuskripte, das Griechisch der Evangelien mit Strukturen, Formeln, Bildern, Vokabeln und poetischen Mitteln zu vergleichen, die tatsächlich im Hebräischen und Aramäischen des alten Palästina belegt sind, um dem Griechisch der Evangelien mit einem Ohr zu «hören», das aufmerksamer für die sprachliche Welt ist, aus der es stammt.

Jesus lehrte, wie andere jüdische Lehrer seiner Zeit, mit Worten, die einprägsam sein sollten: Gleichnisse, eindrucksvolle Bilder, Antithesen, Parallelismen, Wiederholungen und prägnante Formeln. Dies waren keine bloßen rhetorischen Ausschmückungen, sondern Werkzeuge zum mündlichen Auswendiglernen.

Wenn ein Text aus dem Hebräischen oder Aramäischen ins Griechische und anschließend in moderne Sprachen übersetzt wird, können phonetische Nuancen, Parallelismen und Mehrdeutigkeiten verloren gehen. Die Übersetzung vermittelt die Botschaft, ohne deren Musikalität zu bewahren.

Das Haus des Brotes

Eine Beobachtung aus der semitischen Philologie, auf die ich beim Lesen von “Einführung in die semitischen Sprachen” von Giovanni Garbini und Olivier Durand gestoßen bin, bietet einen aufschlussreichen Schlüssel zum Verständnis des Namens Bethlehem.

Im Hebräischen bedeutet Bet-leḥem «Haus des Brotes»: “Bet” heißt Haus und “leḥem” Brot. Im Arabischen hingegen bedeutet Bet-leḥm «Haus des Fleisches», wobei “laḥm” «Fleisch» bedeutet. In Sokotri, einer südsemitischen Sprache, die auf der Insel Sokotra gesprochen wird, bezeichnet das Wort “leḥem” Fisch.

Die semitische Wurzel “l-ḥ-m” findet sich daher in Begriffen, die in verschiedenen semitischen Sprachen je nach geografischer Lage oder sesshafter oder nicht-sesshafter Natur der Bevölkerung, zu der eine Sprache gehört, essentielle Formen der Ernährung bezeichnen: Brot, Fleisch, Fisch. 

Meine persönliche Interpretation, zu der mich diese Lektüre geführt hat, ist, dass Bethlehem, wenn es im Hebräischen weiterhin das «Haus des Brotes» ist, angesichts dieser gemeinsamen Wurzel auch als das Haus der wahren Nahrung gesehen werden kann, jener Nahrung, auf die nicht verzichtet werden kann. 

Für Christen hat dies eine unmittelbare Bedeutung. Bethlehem ist der Geburtsort dessen, der im Johannesevangelium sagen wird: «Ich bin das Brot des Lebens.». 

Eine eingehende Untersuchung des hebräischen und semitischen Hintergrunds der Evangelien und ihres kulturellen Kontextes kann daher dazu beitragen, die Bedeutung des christlichen Lebens und der christlichen Botschaft tiefer zu verstehen.

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