Im Herzen des Vatikans bilden die Apostolische Bibliothek und das Apostolische Archiv (bis 2019 bekannt als Vatikanisches Geheimarchiv) eine Einheit: zwei Lungen des Gedächtnisses der Kirche und der Menschheit. Die Aufgabe, beide Institutionen zu bewahren, obliegt nun Erzbischof Giovanni Cesare Pagazzi, Titularerzbischof von Belcastro, der im März 2024 von Papst Franziskus zum Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche ernannt wurde.
Der 1965 geborene Pagazzi ist Theologe und Akademiker mit einer langen und angesehenen Karriere. Er lehrte Ekklesiologie, Christologie und Anthropologie. 2022 wurde er zum Sekretär des Dikasteriums für Kultur und Bildung ernannt, bevor er im November 2023 die Bischofsweihe empfing.
In seiner neuen Rolle steht der Erzbischof nun an der Spitze zweier außerordentlich wichtiger Einrichtungen, die – wie er selbst in diesem Interview für Omnes erklärt – nicht nur Orte der Konservierung sind, sondern auch “Brückenübergänge”wo Nationen, selbst solche in großer Entfernung oder im Konflikt, durch eine Leidenschaft für Wissen vereint sind.“.
Wie haben Sie die ersten Monate Ihrer Tätigkeit als Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche erlebt?
Es waren aufregende Monate. Ich habe mich tief in den großen Strom der Kirchen- und Menschheitsgeschichte vertieft, eingebettet zwischen dem Apostolischen Archiv und der Apostolischen Bibliothek. Ich habe das Glück, mit zwei Teams von höchstem professionellem Niveau zusammenzuarbeiten und lerne sehr viel von ihnen.
Mein Vorgänger, Monsignore Vincenzo Zani (Titel-Erzbischof von Volturno), hatte mir von der großen Bedeutung des Archivs und der Bibliothek erzählt, auch aus diplomatischer Sicht, im Rahmen der sogenannten Kulturdiplomatie. Ich hatte mir nicht vorstellen können, wie bedeutsam sie sein würden. Ich hatte nicht erwartet, dass Bibliothek und Archiv Orte sein würden, an denen so unterschiedliche Nationen zusammenkommen, vereint durch ihr Interesse an Kultur. Manche von ihnen sind außerhalb dieses Raumes sogar verfeindet. Archiv und Bibliothek sind ein Knotenpunkt von Brücken.
Kann Kultur in einer Zeit, die von Konflikten, Krisen und Orientierungslosigkeit geprägt ist, Wege der Hoffnung eröffnen?
Wie ich bereits sagte, kann Kultur Wege eröffnen, die in anderen Bereichen noch unvorstellbar sind. Es ist kein Zufall, dass die Kirche seit der Antike eine der größten kulturellen Triebkräfte der Menschheitsgeschichte ist.
Wir Christen glauben außerdem, dass der Vater, der Sohn und der Heilige Geist nicht allein gehandelt haben.“gestern”Aber auch heute, jetzt, in dieser großartigen und dramatischen Welt. Wenn Gott hier ist und wirkt, warum sollten wir verzweifeln?“
Darüber hinaus wird in Weisheitsbüchern immer wieder betont, dass derjenige, der glaubt, gestern sei besser gewesen als heute, kein weiser Mensch ist.
Wie können wir lernen, diese Zeichen auch in unserem jetzigen Leben zu erkennen?
—Er hat es gut ausgedrückt:“Zug”Wir müssen üben, Zeichen der Hoffnung zu erkennen, selbst die kleinsten. Es bedarf einer Art Physiotherapie, einer wiederholten Übung – nicht ohne Anstrengung –, die eine verlorene Fähigkeit wiedererweckt: die Fähigkeit, das Gute im Schlechten zu sehen, die Kraft, die uns erlaubt, anzuerkennen, dass wir selbst vom Feind noch etwas lernen können. Vielleicht ist das der Grund, warum Christus uns bittet, ihn zu lieben.
Die Bibliothek wird oft als Bewahrer der Vergangenheit wahrgenommen. Doch sie birgt ein Erbe, das Gegenwart und Zukunft erhellt. Welche Funktion erfüllt sie also heute?
—Anstatt ein reduziertes Bild der Bibliothek und des Archivs darzustellen, werden sie definiert als “Truhe der Vergangenheit”ist ein verzerrtes Verständnis des Verhältnisses zwischen dem, was wir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nennen.“.
Die Gegenwart ist ohne die Unterstützung und Anregungen der Vergangenheit unvorstellbar. Ein Alltagsgegenstand wie ein Löffel wäre ohne die Urformen der Metallurgie undenkbar. Eine Weltraummission könnte ohne die bis heute wirksamen Beiträge der altägyptischen, indischen, chinesischen, griechischen, arabischen und präkolumbischen Mathematik nicht geplant werden.
Die Vergangenheit ist zeitgleich mit der Gegenwart und begleitet sie. Zwischen allen Generationen besteht eine Synchronizität. Eine Art von “Gemeinschaft der Heiligen”Kulturell: Die Werke und guten Gedanken unserer Vorfahren sind noch immer wirksam; deshalb stehen wir in ihrer Schuld.“.
Bibliothek und Archiv sind somit nicht bloß Aufbewahrungsorte der Vergangenheit, sondern Orte, an denen die Synchronizität aller Generationen besonders deutlich spürbar wird. Eine Synchronizität, die sich selbst beim Benutzen eines einfachen Löffels heute oder morgen erahnt.
Digitalisierungsprojekte und die Öffnung für Wissenschaftler aus aller Welt verwandeln beide Institutionen in ein Labor für universellen kulturellen Dialog. Ist das auch ein Zeichen der Hoffnung?
—Selbstverständlich. Bibliothek und Archiv sind jedoch wie das Herz. Sie funktionieren dank zweier gegenläufiger Bewegungen: der Diastole, die das Herz erweitert und öffnet, und der Systole, die es zusammenzieht und schließt. Das eine ist untrennbar mit dem anderen verbunden.
Übermäßige Schließung würde die Bibliothek und das Archiv ersticken. Unkontrollierte Öffnung würde sie in einen Marktplatz verwandeln, auf dem sich jeder nimmt, was er will, ohne zu verstehen, dass es sich um lebende Organismen handelt, die nicht verstümmelt werden dürfen. Andernfalls würde das gefundene Dokument oder Buch aufhören, Teil von etwas Lebendigem zu sein, und zu einem abgetrennten Glied werden.
Welche Hilfe kann die Kirche in einem gegenwärtigen Szenario leisten, das zwischen technologischer Begeisterung und globalen Ängsten schwankt?
—Zuallererst dürfen wir keine Angst haben. Wenn der Herr uns genau zu diesem Zeitpunkt an diesen Ort gestellt hat, bedeutet das, dass er vollstes Vertrauen in unseren Erfolg hat.
So wie frühere Generationen mit den kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und anthropologischen Auswirkungen technologischer Innovationen wie elektrischem Licht, Radio, Fernsehen, dem Automobil, dem Flugzeug oder dem Internet konfrontiert waren, liegt es nun an uns, die sogenannte künstliche Intelligenz und die neuen Möglichkeiten der digitalen Welt zu verinnerlichen.
Die Behauptung, künstliche Intelligenz stelle eine größere Herausforderung dar als frühere, verkennt, dass wir keinerlei Schwierigkeiten hatten bei“verdauen”, und deshalb halten wir sie für einfacher.“.
Gibt es Möglichkeiten, dass das Evangelium nicht auf den privaten Bereich beschränkt bleibt, sondern zu einem Sauerteig in der Kultur wird?
Das Problem liegt vermutlich nicht in einer verminderten Fähigkeit des Christentums, kulturellen Einfluss auszuüben, sondern in seiner Unfähigkeit zu erkennen, wie sehr die Kultur dem Christentum bereits verpflichtet ist. Deshalb leidet es unter einer Art Minderwertigkeitskomplex, der es hemmt.
Sie haben sich eingehend mit der Theologie der Familie auseinandergesetzt. Inwiefern bleibt die Familie weiterhin ein “Schule der Hoffnung"?
Wir lernten, einander in die Augen zu schauen, zu lächeln, zu gehen, zu sprechen und den Menschen und Dingen in unserem Elternhaus zu vertrauen. Grundlegende Grammatik und Vokabeln, selbst für die anspruchsvollsten kulturellen Ausdrücke, erlernten wir als Familie. Was soll man da noch sagen?
Wenn Sie ein Bild oder eine Episode auswählen müssten, die die Rolle der christlichen Kultur in unserer Zeit beschreibt, welches würden Sie uns nennen?
—Der Samen, der zu Boden fällt und stirbt.
Welchen Wunsch oder welche Botschaft möchten Sie aus Ihrer Position heraus an diejenigen übermitteln, die sich derzeit mit Studium, Lehre oder Forschung beschäftigen, auch außerhalb der Kirche?
—Mut ist der Anfang von allem, auch von jeder Forschung. Sein Ursprung ist unbekannt, aber er leitet stets etwas Neues ein, das Treue erfordert.
Deshalb: Mut!





