Wir befinden uns nun auf der Zielgeraden unserer Fastenzeit. Es ist eine Woche, die drei Abschnitte des Kirchenjahres umfasst: die Fastenzeit, das Heilige Osterfest und Ostern.
Dieser Sonntag ist als Palmsonntag bekannt. Ob es sich um Oliven- oder Palmzweige handelt, ist eigentlich nicht das Wichtigste. Entscheidend ist, dass es der Sonntag des Leidens Christi ist. Dieser Sonntag ist einer jener Tage, an denen die Menschen ihren Glauben sichtbar zum Ausdruck bringen, ähnlich wie am Aschermittwoch. Es ist ein Tag, an dem jeder die Kirche mit einem sichtbaren Zeichen seiner Teilnahme verlässt: einem Zweig vom Baum. In der Evangeliumslesung, die während der Prozession verlesen wird, lesen wir, dass «Die Menge breitete ihre Mäntel auf der Straße aus; einige schnitten Äste von den Bäumen und bedeckten damit die Straße.». Jesus zieht auf dem Weg zu seinem Leiden in Jerusalem ein, und wir sehen eine große Menschenmenge, die auf verschiedene Weise daran beteiligt ist.
Die Passionsgeschichte, die wir in der Messe lesen, ist lang. Ihre Länge ist an sich schon eine Predigt und bedarf keines weiteren Kommentars als Stille und einer andächtigen, aufmerksamen Teilnahme an der Erzählung. Es genügt nicht, nur zuzuhören; uns wird eine großartige Gelegenheit geboten, ganz an der Passion Christi teilzuhaben. Die Art und Weise, wie die Lesungen verkündet werden, ermöglicht es uns, verschiedene Rollen einzunehmen. Der beste Weg, in die Karwoche einzutreten, ist, indem wir… «"wie einfach eine weitere Figur"» in der Szene der Passion, wie es der heilige Josemaría Escrivá und so viele andere Heilige befürworteten.
Anton Tschechow, in einer seiner Kurzgeschichten mit dem Titel Der Student, Die Geschichte erzählt von den Erlebnissen des Theologiestudenten Iwan während der Karwoche. Auf seinem Heimweg an einem kalten Karfreitagnachmittag fühlte sich Iwan elend und entmutigt. Er war überzeugt, dass das Leben von jeher hart und hoffnungslos gewesen war, von der Antike bis zu seiner Zeit. Die Geschichte schien ihm nichts weiter als eine endlose Kette des Leidens zu sein. Unterwegs blieb er an einem Lagerfeuer stehen, an dem sich zwei Witwen, Mutter und Tochter, wärmten. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählte er ihnen die Evangeliumsgeschichte von Petrus' Verleugnung und wie Petrus bitterlich weinte, als er seine Schwäche erkannte. Während Iwan sprach, bemerkte er, wie tief bewegt die Frauen waren; eine von ihnen begann zu weinen, sichtlich berührt von Petrus' Trauer. Diese Reaktion berührte Iwan tief. Er verstand nun, dass die Gefühle, die Petrus vor Jahrhunderten empfunden hatte – Furcht, Liebe, Reue – auch heute noch in den Menschen lebendig sind. In diesem Moment begriff Iwan, dass Wahrheit, Schönheit und Güte alle Generationen verbinden und eine ununterbrochene Kette durch die Zeiten bilden.
Zu Beginn der Karwoche sind wir eingeladen, nicht nur den Palmzweig zu tragen, sondern auch ganz an der Passion Christi teilzuhaben. Wenn wir zu Beginn dieser Woche die Passionsgeschichte hören, lasst uns von ihr tief berührt werden. Lasst uns nicht auf die Uhr schauen und uns nicht ablenken lassen. Lasst uns sie mit dem Herzen lesen.
Die Vergangenheit ist durch eine ununterbrochene Kette von Ereignissen mit der Gegenwart verbunden, die einander bedingen. Berührt man ein Ende dieser Kette, setzt man das andere in Bewegung. Das Hören der Passion sollte so sein, als würde man ein Ende dieser Kette berühren: Sie wird uns bewegen, wenn wir uns in sie hineinversetzen und uns wie eine der Figuren fühlen. Die Karwoche bleibt die Mutter aller Wochen, die wichtigste Woche im Kirchenjahr.





