- Jude Andrew Link, Programmdirektor für die Seligsprechung von Fulton Sheen in St. Louis.
«Welche Tugenden verkörpert Sheen Ihrer Meinung nach?» Diese Frage kam von einer Mitschwester, die ihr Klassenzimmer für den Schulbeginn vorbereitete. Hier in Peoria, Illinois, läuft der Unterricht schon seit einigen Wochen. In anderen Teilen des Landes hatten Schüler und Lehrer aber erst diese Woche ihren ersten Schultag. Die Schwester gestaltete ein Wandbild über Heilige und Tugenden.
Ich habe immer wieder über diese Frage nachgedacht. Seine Seligsprechung zeigt, dass die Kirche Sheen als einen Mann von heldenhafter Tugend betrachtet. Fulton Sheen, der bald darauf seliggesprochen werden sollte, war zweifellos ein Mann des Glaubens. Seine tiefe und persönliche Hingabe an Jesus Christus zeigte sich in seinem bekannten täglichen Gebet.
«Wenn ihr etwas über Gott erfahren wollt», sagte er, «dann kniet nieder.» Am Tag seiner Ordination versprach Sheen, jeden Tag eine heilige Stunde zu widmen, und seine Treue zu diesem Versprechen bereitete ihn darauf vor, die Früchte des theologischen Glaubens zu empfangen.
Das Licht des Glaubens erleuchtete seinen Verstand und schenkte ihm ein tiefes Verständnis der Geheimnisse Christi, was sich wiederum auf seine Lehre, Predigt und sein Schreiben auswirkte und ihnen eine vom Geist geborene Kraft verlieh.
Ihre Stärke: das Gebet
Er kannte Christus durch sein Studium, aber er lernte ihn durch das Gebet wirklich kennen.
Diese Treue hatte manchmal ihren Preis. In «Schatz aus Lehm» beschreibt er, welche Anstrengungen er unternahm, um seine tägliche Verabredung mit Gott einzuhalten, selbst in Zeiten spiritueller Trockenheit und Ablenkung, oder wie er sich versehentlich in einer Kirche in Chicago einschloss, aus dem Fenster kletterte und in den Kohlenkeller stürzte.
Der Herrgott belohnte seine Treue auf die ergreifendste Weise, indem er Sheen am 9. Dezember 1979 während seiner Heiligen Stunde endgültig begegnete, um seinen treuen Jünger zum Haus des Vaters zu führen.
Die Heilige Stunde war der Mittelpunkt in Fulton Sheens Leben, der Ort, an dem er seine Identität fand, Inspiration für seine Lehre schöpfte und Kraft für die vor ihm liegenden Aufgaben sammelte. Sie war die Quelle seiner bewundernswerten Integrität. Er blieb stets derselbe Mensch, ungeachtet der Situation oder des Publikums; er fühlte sich unter Reichen und Berühmten genauso wohl wie unter der Putzfrau und dem Straßenkehrer.
Nächstenliebe
Seine Erzählungen zeigen jedoch, dass er sich unter den Armen und Einfachen am wohlsten fühlte. Er berichtete von dem Straßenkehrer in Rom, der von den zum Zweiten Vatikanischen Konzil versammelten Kardinälen und Bischöfen wenig beeindruckt war und der ihn daran erinnerte, dass der einfache Mann, der seine Arbeit aus Liebe zu Gott verrichtete, etwas Wertvolleres tat als jede «wichtige» Aufgabe, die aus anderen Gründen übernommen wurde.
Diese spirituelle Vision förderte einen tiefen Respekt vor jedem Einzelnen und vor der Weisheit und Ehrlichkeit des einfachen Mannes. Dieser Respekt entsprang seiner Liebe zu Gott, die es ihm ermöglichte, jeden Menschen als Bruder oder Schwester zu sehen, mit einer tiefen und praktischen Nächstenliebe – einer Liebe, die seinen Eifer für die Seelen beflügelte und seine Predigt- und Missionstätigkeit trug.
Sheen, ein fleißiger Arbeiter
Fulton Sheen war für sein großes Engagement in seiner Arbeit bekannt. Als Universitätsprofessor zerriss er am Ende jedes Semesters seine Vorlesungsmitschriften und schrieb sie jedes Semester neu, um sich dem Stoff mit klarem Kopf nähern zu können.
Er investierte über 30 Stunden in die Vorbereitung jeder einzelnen Fernsehfolge und übte seine Schauspielkunst in mehreren Sprachen. Man könnte Sheen leicht als Workaholic abstempeln, doch vielleicht war es eine Form der Askese, eine Art spirituelle Disziplin und Pflichterfüllung, die sich der Selbstzufriedenheit widersetzte, die mit Erfolg einhergehen kann, und der Anmaßung, die eigene Arbeit mit dem Argument «Ich weiß ja schon, wie es geht» zu vernachlässigen.
Gehorsam
Alle seine Aktivitäten – Predigen, Lehren, Schreiben, Radio- und Fernsehauftritte, Missionsarbeit – standen im Dienst der Kirche und waren Ausdruck seines unerschütterlichen Gehorsams gegenüber Christus und der Kirche, wie er auch von seinen hierarchischen Vorgesetzten demonstriert wurde.
In diesem Akt des Gehorsams war seine Vision klar, und er trat Kardinal Francis Spellman als Gleichgestellter entgegen, wenn er es für nötig hielt. Dieser Gehorsam war, wie jeder Gehorsam irgendwann ist, in seinen späteren Jahren eine Feuertaufe, eine Prüfung, die er aus Liebe zu Christus und seinem Leib, der Kirche, annahm und sich ihr stellte.
In den turbulenten und verwirrenden 1960er und 70er Jahren entschied sich Sheen, der über eine Plattform und ein Publikum verfügte, für Diskretion und vermied es bewusst, seine Meinungsverschiedenheiten mit der Kirche öffentlich zu machen. In seiner Autobiografie erwähnt er sie nur vage.
Geduld
Sein Glaube an Christus, der in seiner Kirche gegenwärtig war, und sein Gehorsam selbst angesichts des Falls von Mitgliedern und Führern verliehen seiner Liebe jene Ausdauer und Opferbereitschaft, die die mitunter als altmodisch geltende Tugend der Geduld auszeichnet. Seine Prüfungen und körperlichen Leiden im letzten Jahrzehnt seines Lebens verwandelten ihn in Christus, das Opfer, und machten ihn so zu einem Zeugen der unvergänglichen Realität christlicher Hoffnung.
Es ist daher kein Wunder, dass der heilige Johannes Paul II. Sheen nur zwei Monate vor seinem Tod im Jahr 1979 sagte: «Du bist ein treuer Sohn der Kirche.» Der polnische Papst sah in dem gebrechlichen Bischof einen Mann, dessen ganzes Leben und seine Identität Christus geweiht und in den Dienst der Kirche gestellt waren.
Am 24. September wird der Nachfolger des heiligen Johannes Paul II. durch seinen Vertreter, Kardinal Luis Antonio Tagle, Fulton Sheen seligsprechen. Mit diesem Akt schenkt uns die Kirche, unsere Mutter, einen Lehrer und Wegweiser. Sie zeigt damit, dass Sheens Lehre und Schriften uns im Glauben prägen können und sein Leben durch die Nachahmung seiner heldenhaften Tugend ein Vorbild der Heiligkeit ist. Während im September die Klassenzimmer in den Vereinigten Staaten wieder gefüllt werden, sind Katholiken eingeladen, einen neuen Lehrer an der Schule der Heiligkeit kennenzulernen: Erzbischof Fulton Sheen.
Die Dominikanerin Schwester Jude Andrew Link gehört dem Orden der Dominikanerinnen von Maria, Mutter der Eucharistie, an. Sie unterrichtet Theologie an der Peoria Notre Dame High School und leitet das Programm zur Seligsprechung von Fulton Sheen in St. Louis.





