Im Alter von 38 Jahren wurde Rafael Merry del Val (1865–1930) Staatssekretär von Papst Pius X., eine der wichtigsten Positionen in der Kirche. Dennoch strebte er ein einfaches und zurückgezogenes Leben an. Täglich betete er das bekannte Gebet. Demutslitanei, ein Gebet, das seinen inneren Kampf offenbart.
Mehr als ein Jahrhundert später hat der Priester Álvaro Serrano Bayán Briefe, Schriften und spirituelle Ratschläge aus Merry del Val wiedergefunden und sie in «Wachsen in Demut: 7 Schritte mit Kardinal Merry del Val»(Der Berg Karmel), ein Leitfaden zur Kultivierung dieser Tugend im Alltag. Das Buch, mit einem Vorwort von Kardinal Pietro Parolin, ist das Ergebnis jahrelanger Forschung und Lektüre der Schriften des Kardinals.“.
Serrano, ein Priester der Erzdiözese Toledo, Luft- und Raumfahrtingenieur und Student der institutionellen Kommunikation in Rom, wandte sich an Merry del Val, nicht um eine neue Biografie zu schreiben, sondern um ihn selbst zu Wort kommen zu lassen. In seinen Schriften entdeckt er einen Mann, der sich seiner Talente bewusst ist, aber entschlossen ist, sie nicht zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen.
In diesem Interview erklärt Álvaro Serrano, was hinter der Litanei der Demut steckt, wie Merry del Val diese Tugend aus einer Position enormer Verantwortung heraus lebte und was sie uns heute lehren kann, insbesondere in einer Gesellschaft, die von der Suche nach Anerkennung, Anhängern und «Likes» geprägt ist.
Was entdeckte er in Merry del Val, das ihn dazu veranlasste, sieben Jahre damit zu verbringen, seine Schriften zu suchen, zu lesen und zu ordnen?
Merry del Val ist für seine Demutslitanien bekannt. Er nahm bestehende Litaneien, rezitierte sie und passte sie seinen Vorlieben an.
Da ich diese Litaneien kannte, stieß ich auf ein Buch von Merry del Val, in dem er sie besprach. Einige davon fesselten mich besonders, und ich fand es faszinierend. Merry del Val ist eine wenig bekannte Persönlichkeit, und selbst diejenigen, die ihn kennen, sind oft nur mit den Litaneien vertraut. Dabei ist er vielschichtiger und hat so viel zu bieten. Je mehr man über ihn erfährt, desto faszinierender wird er.
Von da an las ich immer mehr über Merry del Val: Ich konsultierte Biografien und Schriften, und Briefe, die er an andere geschrieben hatte, fielen mir in die Hände. Ich konnte vieles lesen und dachte, dass das, was mir geholfen und was ich interessant fand, auch anderen helfen könnte, ihn kennenzulernen.
Ich wollte keine Biografie schreiben. In Spanien haben wir hervorragende Biografen von Merry del Val, sehr fähige Leute, die diese Arbeit bereits geleistet haben.
Deshalb habe ich mich entschlossen, seine Aussagen zusammenzutragen. Damit begab ich mich nicht in den Bereich einer Biografie. Es ist etwas ganz anderes: Ich möchte dem Leser Originaltexte von Kardinal Merry del Val zugänglich machen.
Gab es einen Text oder Brief von Merry del Val, der sein Verständnis von Demut besonders verändert hat?
– Was mich am meisten beeindruckt hat, ist, dass Merry del Val Demut im Alltag lebte, ohne jemals betonen zu müssen: «Ich bin demütig.» Es gibt ein Zitat von Augustinus: «Liebe und tue, was du willst.» In gewisser Weise lebte er so Demut: Er tat, was er tun musste, und kümmerte sich um nichts anderes.
Offensichtlich war er großem Neid ausgesetzt. Mit 38 Jahren war er bereits Staatssekretär und damit, sozusagen, einer der mächtigsten Männer der Welt, zumindest im Vatikan. Doch er kümmerte sich nicht darum, was andere über ihn sagten. Er arbeitete, folgte seinem Tagesablauf und tat, was zu tun war. Er hielt sich aufgrund seiner Position nicht für wichtiger und verspürte auch nicht das Bedürfnis, seine Bedeutung zu beweisen. Wenn man ihn nicht grüßte, dann eben nicht; wenn man ihn grüßte, dann grüßte man ihn. Er tat, was in jeder Situation erforderlich war.
Ich glaube, das ist wahre Selbstlosigkeit. Es geht nicht darum, Demut nur gelegentlich zu üben, sondern darum, demütig zu leben. Merry del Val machte Demut zu einer Gewohnheit, zu einer Lebensweise. Deshalb war er nicht einfach nur jemand, der Demut praktizierte, sondern ein wahrhaft demütiger Mensch.
Wir denken oft, Demut bedeute, anderen den Sieg zu gönnen, immer den letzten Platz einzunehmen, uns ausnutzen zu lassen oder zu allem Ja zu sagen. Doch das ist nicht Demut. Demut bedeutet, die eigenen Gaben zu erkennen, zu wissen, dass sie von Gott kommen, und sie zum Wohle anderer einzusetzen, ohne sich ihrer schuldig zu fühlen oder die Zustimmung anderer zu benötigen.
Wo endet wahre Demut und wo beginnt falsche Demut, die Unsicherheit oder gar Selbstverachtung verbergen kann?
Das wird im Fall von Merry del Val sehr deutlich. Als er Außenminister war, wandten sich viele an ihn, um von seiner Position zu profitieren, nicht wegen ihm als Person. Er distanzierte sich jedoch von all dem.
Nachmittags ging er nach Trastevere, um sich um die armen Menschen zu kümmern, die gar nicht wussten, dass er Staatssekretär war. Deshalb konnten sie sich aufgrund seiner Stellung nicht an ihn wenden. Er selbst sagte: «Ich bin zwar Staatssekretär, aber vor allem bin ich Priester.».
Für ihn wäre der Abschied vom Amt des Außenministers keine Tragödie gewesen. Sein Leben basierte auf seinem Priesteramt, nicht auf einem Staatsamt. Das Priestertum war der Kern und das Wesen seines Lebens; das Amt des Außenministers war eine vorübergehende und zufällige Angelegenheit.
Ein Beispiel dafür ist, dass er nie danach strebte, seine Macht zu festigen oder andere Ämter anzustreben. Eine bezeichnende Anekdote dazu: Als Außenminister behielt er dieselbe Matratze, die er schon als Seminarist benutzt hatte. Es war eine einfache Strohmatratze, die er mit ins Spanische Kolleg genommen und sein Leben lang verwendet hatte. Auch nach seinem Amtsantritt als Außenminister änderte er seine Lebensumstände nicht.
Merry del Val muss sehr darum gekämpft haben, in einer so wichtigen Position im Vatikan bescheiden zu bleiben…
Demut ist eine Gabe des Herrn, aber auch eine tägliche Aufgabe, die wir alle bewältigen müssen. In der Demutslitanei betet er: «Von dem Wunsch, um Rat gefragt zu werden, erlöse mich, o Herr.» Er war Staatssekretär, und jeder musste ihn um Rat fragen. Doch er schöpfte seine Kraft nicht aus dem Wunsch, um Rat gefragt zu werden. Natürlich ist es nicht schlecht, um Rat gefragt zu werden; schlecht ist es vielmehr, ständig im Mittelpunkt stehen zu wollen.
Dasselbe gilt für den Wunsch, geliebt zu werden. Geliebt zu werden ist gut, doch diesen Wunsch zur Besessenheit werden zu lassen, ist schlecht. Letztendlich sind es ungeordnete Wünsche, die bekämpft werden müssen.
Deshalb glaube ich, dass Merry del Val, wie alle anderen auch, kämpfen musste. Es mag sein, dass es ihr leichter fiel, als sie Tugenden und Leidenschaften meisterte. Doch ihre Schriften zeigen, dass sie an ihrer Demut arbeiten musste. Im Buch sehen wir, wie sie diese mit Verlassenheit und Leid verknüpft. Ihre eigenen Worte sind herausfordernd, weil sie zeigen, dass auch sie darum kämpfen musste, Demut zu leben.
Welche Eigenschaft von Merry del Val ist Ihrer Meinung nach weniger bekannt und welche würden Sie dem Leser durch das Buch näherbringen wollen?
„Ich glaube, ein wenig bekannter Aspekt von Merry del Val ist, dass er ein ganz normaler Mensch war. Manchmal sehen wir Heilige als unerreichbare Gestalten, als könnten wir niemals so sein wie sie. Merry del Val spielte jedoch Klavier, und zwar sehr gut; er komponierte mehrere Werke, weil er die Musik liebte; er ging spazieren; er engagierte sich in der Wohltätigkeitsarbeit; und gleichzeitig war er Staatssekretär.“.
Er war Priester und bekleidete in seinem Priesteramt die Position, die ihm die Kirche damals zugewiesen hatte. Ich wünsche mir, dass der Leser in ihm einen ganz normalen Priester entdeckt, einen Menschen, der sein Leben lang nach Heiligkeit und Demut strebte.
Ich glaube, dass dies jedem helfen kann, zu entdecken, dass auch er berufen ist, nach Heiligkeit zu streben, und dass Demut ein Weg sein kann, diese zu leben.
Demut ist grundlegend, weil sie die Basis aller anderen Tugenden bildet. Sie ist wie der Faden, der die Perlen eines Rosenkranzes verbindet: Alle anderen Tugenden hängen von ihr ab, denn ohne Demut können Stolz und Eitelkeit entstehen.
Was würdest du jemandem empfehlen, der heute damit beginnen möchte, demütiger zu werden?
–Zunächst einmal Geduld. Demut ist nichts, was wir über Nacht beschließen: Sie ist eine Tugend, die Ausdauer erfordert. Wir müssen es jeden Tag aufs Neue versuchen, denn sie erwirbt man nicht über Nacht.
Es ist auch wichtig, nicht skrupellos zu sein. Wie ich bereits sagte, bedeutet Demut nicht, zu allem Ja zu sagen oder sich ausnutzen zu lassen. Wir müssen wirklich verstehen, was Demut ist, und sie mit Geduld und Ausdauer entwickeln. So werden wir nach und nach in dieser Tugend wachsen.
Ist es in der heutigen Gesellschaft schwieriger, bescheiden zu leben?
–Ja, heutzutage kann es schwieriger sein. So wie es in einer Gesellschaft mit Nahrungsüberfluss schwieriger sein kann, enthaltsam zu leben, oder in einer Gesellschaft mit viel Geld schwieriger sein kann, nüchtern zu leben, erschwert eine sehr egozentrische und selbstbezogene Gesellschaft die Demut.
Der Fokus liegt stark auf dem Körperbild, und soziale Medien verleiten uns dazu, ständig zu kontrollieren, was wir posten, wie viele «Likes» wir bekommen oder wie viele Follower wir haben. All das kann Stolz und Eitelkeit schüren.
Es ist nicht falsch, Follower zu haben oder «Likes» zu bekommen, aber unser Herz sollte nicht darauf ausgerichtet sein. Wir können soziale Medien nutzen, um Gutes zu tun, Liebe zu verbreiten und Gott bekannt zu machen. Wenn das zu «Likes» führt, sei Gott gepriesen, und wir sind dankbar. Doch in unserem Leben sollte es nicht darum gehen, «Likes» zu jagen, sondern Gott zu suchen.
Wachsen in Demut: 7 Schritte mit Kardinal Merry del Val





