Aus der FederAlmudena González Barreda

Das Paradoxon der Fürsorge und eine Lösung 

Europa steht vor einer demografischen Krise, weil die familiäre Pflege in seiner Wirtschaft unsichtbar gemacht wurde und damit diejenigen bestraft werden, die die Gesellschaft unentgeltlich am Laufen halten. Die Lösung liegt in der Anerkennung dieses Wertes durch Steuer- und Rentenreformen.

14. Juni 2026-Lesezeit: 3 Minuten
Pflege

Europa durchläuft einen der tiefgreifendsten Umbrüche seiner jüngeren Geschichte: demografischer Winter. In den meisten europäischen Ländern liegen die Geburtenraten unter dem Bestandserhaltungsniveau, die Bevölkerung altert rapide, und immer weniger Erwerbstätige finanzieren Rentensysteme, die für eine nicht mehr existierende soziale Realität konzipiert wurden. Einige Regierungen suchen nach Lösungen, und die Einwanderungspolitik scheint bei den politischen Entscheidungsträgern an Akzeptanz gewonnen zu haben, doch selten wird hinterfragt, ob das Problem nicht in den grundlegenden wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen unserer Gesellschaften selbst begründet liegt.

Jahrzehntelang haben wir unsere Wirtschaft so gestaltet, als sei Pflege eine unerschöpfliche Ressource. Wir haben es als selbstverständlich hingenommen, dass sich immer jemand finden würde, der Kinder erzieht, ältere Menschen pflegt, Kranke unterstützt und sich um pflegebedürftige Personen kümmert. Doch diese unverzichtbare Unterstützung spiegelt sich weder in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung noch in den Sozialversicherungssystemen oder Kennzahlen für wirtschaftlichen Erfolg wider. Der Markt hat Pflege stets benötigt, sie aber als unsichtbare Realität behandelt.

Das BIP-Paradoxon

Die Folge ist ein kaum zu übersehender Widerspruch. Gesellschaften brauchen Kinder, um ihre Zukunft zu sichern, benachteiligen aber wirtschaftlich und beruflich diejenigen, die Kinder bekommen und erziehen – vor allem deren Mütter. Menschen werden benötigt, um ältere Menschen zu pflegen, doch die Zeit, die mit der Betreuung älterer Menschen verbracht wird, gilt als unproduktiv, wenn es sich um Kinder handelt. Die Gesellschaft braucht Familien, die stabile Beziehungen und soziale Netzwerke aufrechterhalten können, doch Staat, Institutionen und Unternehmen organisieren die Arbeit so, als gäbe es diese Verantwortung nicht.

Pflege ist kein Problem, das die Wirtschaft lösen muss, sondern vielmehr die Grundvoraussetzung jeder funktionierenden Wirtschaft. Ohne Menschen, die sich um andere kümmern, gäbe es keine Arbeitskräfte, Konsumenten, Steuerzahler oder Bürger. Dennoch tragen diejenigen, die diese Arbeit innerhalb der Familie leisten, weiterhin wirtschaftliche, arbeits- und sozialversicherungstechnische Kosten, die selten anerkannt werden.

Frauen spielen in dieser Betrachtung eine zentrale Rolle, obwohl Männer zunehmend in diesen Bereich vordringen. In den letzten Jahrzehnten haben Frauen nahezu alle Bildungs-, Berufs- und Wirtschaftsbereiche erobert, die ihnen historisch verwehrt waren. Dieser Fortschritt stellt eine der größten gesellschaftlichen Umwälzungen unserer Zeit dar. Doch gerade weil Frauen diese Bereiche erobert haben, ist es ebenso wichtig, all jene anzuerkennen, die weiterhin durch Pflege, Kindererziehung und familiäre Unterstützung das Leben erhalten.

Wertschätzung der Mutterschaft

Diese Realität anzuerkennen bedeutet nicht, Mutterschaft auf eine rein wirtschaftliche Funktion zu reduzieren oder Frauen auf eine bestimmte Rolle zu beschränken. Es bedeutet vielmehr anzuerkennen, dass die Zeugung, Erziehung und Unterstützung einer Familie einen gesellschaftlichen Mehrwert schafft, der Eltern, Staat und der gesamten Gesellschaft zugutekommt. Ebenso ist die Unterstützung von Eltern im Alter, die Pflege von Kranken oder die Anwesenheit in Zeiten der Verletzlichkeit ein unverzichtbarer Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Wird diese Pflege von externen Fachkräften geleistet, schlägt sie sich unmittelbar im BIP nieder und hat einen Marktpreis. Wird sie jedoch von Familienmitgliedern aus Liebe, Verantwortungsgefühl oder Pflichtgefühl übernommen, verschwindet sie aus der Statistik. Das Paradoxon ist offensichtlich: Was für das Überleben der Gesellschaft unerlässlich ist, wird gerade deshalb unsichtbar, weil es kostenlos erbracht wird.

Es geht hier nicht darum, die Arbeit von Pflegefachkräften infrage zu stellen, deren Beitrag wertvoll und notwendig ist, sondern darum anzuerkennen, dass es Formen der Fürsorge, der Präsenz und des Engagements gibt, die sich kaum vollständig durch ein Arbeitsverhältnis ersetzen lassen. Manche Situationen erfordern mehr als fachliche Kompetenz: Sie erfordern Zeit, Zuneigung, Verfügbarkeit und mitunter den Verzicht auf einen bedeutenden Teil des eigenen Lebens.

Lasst uns über soziale Gerechtigkeit sprechen.

Der Schutz der Fürsorge für Familie, Verwandte und die Gemeinschaft ist keine Zugeständnis oder ein Privileg.

Wenn das System von ganzen Generationen von Menschen profitiert, die Jahre der Kindererziehung oder der Pflege pflegebedürftiger Angehöriger gewidmet haben, ist es angemessen, dass es diese Beiträge durch geeignete Steuer-, Arbeits- und Sozialversicherungsmechanismen anerkennt: Rentensysteme, die die Jahre der Pflege angemessen berücksichtigen, Arbeitsmärkte, die mit nichtlinearen Familienverläufen kompatibel sind, die Anerkennung der sogenannten "biographischen Schuld", die von denjenigen angehäuft wurde, die berufliche Chancen geopfert haben, um andere zu unterstützen, und eine Wirtschaftskultur, die alles, was keinen unmittelbaren Nutzen bringt, nicht mehr als unproduktiv betrachtet.

Eine solche Betrachtungsweise der Pflege aus allen Blickwinkeln, einschließlich des wirtschaftlichen, ist gerecht.

Der demografische Winter in Europa zwingt uns, viele Gewissheiten zu überdenken. Die Lösung liegt vielleicht nicht nur in Geburtenanreizen oder höheren öffentlichen Ausgaben, sondern darin, zu erkennen, was unsere Gesellschaften seit jeher stillschweigend getragen hat: Wenn wir mehr Kinder, einen stärkeren sozialen Zusammenhalt und ein besseres Wohlergehen für unsere älteren Mitbürger wollen, dürfen wir die Pflege nicht länger als Randerscheinung betrachten und müssen pflegende Angehörige – ob Eltern, Kinder oder Geschwister – in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einbeziehen.

Es ist an der Zeit, die Fürsorge in den Mittelpunkt zu stellen und zu erkennen, dass der Reichtum einer Gesellschaft nicht nur in dem besteht, was in ihren Bilanzen erscheint, sondern in dem, was aus den Menschen entsteht, die sich um andere kümmern, sie begleiten und ihr Leben erhalten.


Die Ökonomie der Zärtlichkeit: Eine feministische Perspektive auf die Pflegeökonomie und die wirtschaftliche Freiheit von Frauen

AutorAlmudena González Barreda
LeitartikelAmazonas
Jahr: 2026
Anzahl der Seiten: 103
Der AutorAlmudena González Barreda

Journalistin und Mutter von drei Kindern.

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