Warum sehen, hören, fühlen wir…? Wir wissen heute, dass die Sinne spezifische physikalische oder chemische Reize erfassen und in eine elektrische Sprache umwandeln, die das Gehirn entschlüsselt. Kein einzelner Sinn prägt oder überträgt Wahrnehmungen.
Im Laufe der Evolution hat sich die Priorität der Sinneswahrnehmung vom Geruchs- und Gehörsinn zum Sehsinn verlagert, der zum dominanten Sinn geworden ist. Selbst die Knochenstruktur des Gesichts hat sich radikal verändert; die Schnauze ist kleiner geworden und die Augen sind nach vorne gerückt. Das Sehvermögen hat sich weiterentwickelt, insbesondere das Farbsehen, und das menschliche Gehirn hat seine Verarbeitungsbereiche neu geordnet.
Die Sinne und die Wahrnehmung
Diese wunderbare Maschine – die wir Körper nennen – von der das menschliche Leben abhängt, ermöglicht es uns, unsere Umgebung wahrzunehmen, aber auch, sie zu fühlen und uns durch sie auszudrücken. Äußere Reize werden vom Gehirn verarbeitet, emotional bewertet und schließlich mit Bedeutung und Erkenntnis verknüpft.
Ende der 1990er-Jahre brachten neuroästhetische Studien Philosophie, Kunst und Wissenschaft in einen Dialog und ermöglichten es Forschern, einige dieser Prozesse mithilfe von bildgebenden Verfahren des Gehirns zu beobachten. Der Neurobiologe Semir Zeki untersuchte den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Schönheit. Seine Forschung zeigt, dass die Erfahrung von Schönheit Bereiche einbezieht, die mit Belohnung, Gedächtnis und emotionaler Verarbeitung in Verbindung stehen.
Wenn die Schönheit erwacht
Man könnte sagen, dass Erfahrung beginnt, wenn etwas unsere Aufmerksamkeit erregt, wir versuchen, es zu verstehen, und wenn wir einen Zusammenhang herstellen, entsteht die Freude, einen Sinn gefunden zu haben. Jeder Mensch misst jeder dieser Erfahrungen bewusst oder unbewusst einen Wert bei.
Schönheit ist in erster Linie das Ergebnis einer Wertung. Es stimmt, dass es universelle Schönheitsmerkmale gibt, die mit bestimmten Mustern verbunden sind, die viele Menschen anziehen und die unser Gehirn scheinbar leichter verarbeitet. Beispielsweise war die Bewunderung für die Natur zu allen Zeiten und in allen Kulturen ein gemeinsamer Faktor.
Aus dieser Perspektive liegt Schönheit nicht allein im Objekt unserer Betrachtung. Sie wohnt auch in uns. Es ist eine Erfahrung, in der das Gesehene auf unsere Erinnerung, unsere Sensibilität und unsere Geschichte trifft.
Ebenso kann das, was in einer Kultur als harmonisch gilt, in einer anderen fremd wirken. Schönheit hängt also nicht allein von der Perfektion einer Form ab. Es gibt objektive Elemente, die unsere Wahrnehmung von Schönheit beeinflussen können – Symmetrie, Ausgewogenheit, Harmonie –, aber auch unsere Erinnerung und unser kulturelles Erbe spielen eine Rolle. Wir sehen die Dinge aus unserer eigenen Perspektive.
Zeki hat die mit ästhetischen und moralischen Urteilen verbundene neuronale Aktivität quantitativ gemessen und schlägt einen Zusammenhang zwischen den beiden Erfahrungen vor. Unser Gehirn kann auf die Schönheit eines Kunstwerks reagieren, aber auch auf die Schönheit, die wir in einer menschlichen Geste erkennen. Eine freundliche Geste kann Bewunderung hervorrufen.
Schönheit und Güte
Schönheit, wenn sie wirklich verstanden wird, kann eine Form der Fürsorge sein. Die Schönheit des Alltags, der Räume, die wir bewohnen, und unseres eigenen Handelns wertzuschätzen, bedeutet auch, die Würde des Menschen zu achten. Schönheit ist nicht nur das, was wir betrachten, sondern auch das, was uns dazu einlädt, der Realität und unseren Mitmenschen mit Liebe zu begegnen.
Angesichts der überwältigenden Kraft der Schönheit und wo Worte versagen, um das menschliche Empfinden auszudrücken, entsteht die Sprache der Kunst. Unsere Darstellung von Schönheit spiegelt unsere spezifische Sichtweise der Realität wider. Die zeitgenössische Kunst hat uns gezeigt, dass Schönheit auch im Zerbrochenen, Ungewissen und sogar im zunächst Verstörenden zu finden ist. Manchmal liegt Schönheit nicht in der Perfektion der Dinge, sondern in ihrer Fähigkeit, eine Wahrheit zu offenbaren.
In der klassischen Tradition und im christlichen Denken sind Schönheit, Güte und Wahrheit eng miteinander verbunden. Doch vielleicht ist es am besten, diese Beziehung nicht auf eine starre Formel zu reduzieren. Schönheit besteht nicht darin, ein Spiegelbild unserer eigenen Maßstäbe zu suchen, sondern vielmehr darin, zu lernen, andere so lange zu betrachten, bis wir in ihnen eine Wahrheit entdecken, die wir zuvor noch nicht erkennen konnten.
Ein Blick, der sich von Schönheit berühren lässt, kann Unterschiede überwinden, ohne sie zu leugnen, und die Begegnung mit dem Anderen in eine Form der Erkenntnis verwandeln. In diesem Prozess, von der Kontemplation zur Begegnung, kann uns Schönheit helfen zu verstehen, wer wir sind, und im Anderen und in der Welt den Abdruck ihres Schöpfers zu erkennen.
Peca Macher ist Architektin und Kuratorin sowie Gründerin von Präsenz, einem Projekt, das Kunst, Bildung und bewusstes Führen durch Innehalten, Beobachten und Zuhören verbindet. Mit über 25 Jahren Erfahrung im Kulturmanagement und in der Reflexion forscht und schreibt sie über Erinnerung, ästhetische Erfahrung und Kunst als Instrument persönlicher und gesellschaftlicher Transformation. Sie ist die Autorin des Buches Präsenz. Kunst als Werkzeug für menschlichen und pädagogischen Wandel.





