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Der Hirte und die Wölfe: Franziskus' Aufgabe, die Leo XIV. erbte

Eine Untersuchung von Santiago Roncagliolo rekonstruiert die Missstände und Spannungen in der Kirche in Peru und Lateinamerika während der Pontifikate von Franziskus und Leo XIV.

José Carlos Martín de la Hoz-20. September 2026-Lesezeit: 4 Minuten
Der Hirte und die Wölfe

Der Titel dieser Forschungsarbeit von Santiago Roncagliolo (Lima, Peru, 1975), “Der Hirte und die Wölfe”, ist wahrlich treffend und spiegelt sehr gut den Inhalt dieser außergewöhnlichen journalistischen und vor allem persönlichen Arbeit über eine in Europa wenig bekannte Phase der Kirchengeschichte in Peru und Lateinamerika wider.

Die Arbeit konzentriert sich insbesondere auf einen ganz bestimmten historischen Zeitraum: die Zeit und die Ereignisse, die sich zwischen Amerika und Rom ereignet haben, vom Besuch von Papst Franziskus in Chile zu Beginn seines Pontifikats (2018) bis zur jüngsten Wahl von Kardinal Robert Prevost zu Leo XIV. (2025).

Nach der Lektüre dieses Thrillers, der durch sein mitreißendes Tempo, seine außergewöhnliche Sensibilität und seinen fesselnden Schreibstil sowie seine überaus klare Ideen besticht, ist die Schlussfolgerung eindeutig: Papst Franziskus hätte Kardinal Robert Prévost auf seine Wahl zum römischen Pontifex vorbereitet, damit dieser die begonnene Aufgabe vollenden kann, die er aufgrund des Ausmaßes der Missstände in Lateinamerika und insbesondere in Peru nicht abschließen konnte.

Eine durch persönliche Erfahrungen geprägte Perspektive

Die Perspektive und die Voreingenommenheit des Autors verzerren die gesamte Analyse, da seine persönliche Situation gewiss kein Zufall, sondern von entscheidender Bedeutung ist und somit das Ergebnis beeinflusst. Diese Perspektive ist im gesamten Werk deutlich erkennbar und wird immer wieder deutlich: Der Autor ist ein Mann ohne Glauben an Gott oder die katholische Kirche, der in seiner Kindheit in Lima von einem Jesuiten an seiner Schule sexuell missbraucht wurde, während die Oberen und die Priester der Schule tatenlos zusahen. Darüber hinaus wuchs er in einem zerrütteten Elternhaus auf, mit einem trunksüchtigen Vater, der seine Frau, eine linke Aktivistin, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzte, aber in allen Lebensbereichen scheiterte, misshandelte. Seine Mutter, zu einem Leben voller Entbehrungen gezwungen, wirkt zutiefst gedemütigt und allein und kämpft darum, ihre Kinder großzuziehen. 

Aus dieser Perspektive wird der Autor untersuchen, wie Papst Franziskus, nach den Fehlern, die er während seiner Reise nach Chile im Jahr 2018 begangen hat – wo er angeblich von seinen Beratern irregeführt wurde und dem wichtigsten Anhänger einer Schlüsselfigur der chilenischen Pädophilie erlaubte, Bischof zu werden und die Opfer demütigte –, faktisch und mit ganzem Herzen zur führenden Figur bei der Aufdeckung von Pädophiliefällen weltweit geworden ist und dabei oft den Grundsatz der Unschuldsvermutung außer Acht gelassen hat.

In diesem Zusammenhang wäre eines der zentralen Themen der Untersuchung die Aufdeckung und Zerschlagung der Fälle von Pädophilie innerhalb des “Sodalitiums” gewesen, einer Organisation, die tief in der herrschenden Klasse des Landes verwurzelt ist. Papst Franziskus suchte Berichten zufolge nach einem neuen Kardinal für Lima unter den führenden Vertretern der Befreiungstheologie und den lautstärksten Gegnern des “Sodalitiums”.

Darüber hinaus wird das Buch schildern, wie mit Unterstützung Roms angeblich Prozesse gegen hochrangige Mitglieder des “Sodalitiums” sowie gegen die mit der Hauptverschwörung verbundenen Wirtschaftspraktiken durchgeführt wurden.

Tatsächlich beabsichtigte Papst Franziskus mit dieser beispielhaften Aufräumaktion, einen Präzedenzfall zu schaffen, dem andere Länder folgen sollten, um bei den Ermittlungen eine Vorreiterrolle einzunehmen.

Prevost, eine Schlüsselfigur in Peru

Zur Erfüllung dieser Aufgabe stützte sich Bergoglio auf den unermüdlichen, umsichtigen und tadellosen Juristen, den Bischof von Chiclayo Prevost, der zusammen mit dem Nuntius und einigen anderen Bischöfen in ganz Peru eine immense Arbeit leistete.

Papst Franziskus hätte sicherlich erkannt, dass die gesamte Kirche reagieren musste und dass Missbrauchsfälle bis zum Ende verfolgt werden mussten: nicht nur die Opfer unterstützen und ihnen psychologisch helfen, sondern auch die Führung bei den Ermittlungen übernehmen und sogar Bischöfe, die Missbrauch vertuscht hatten, auffordern müssen, ihren jeweiligen Bischofssitz zu verlassen, d. h. in der Praxis die Unschuldsvermutung auf die gleiche Stufe stellen wie die Untersuchung jeder Beschwerde, selbst wenn sie unsinnig war.

Wie diese Arbeit zeigt, war Prevost zweifellos eine Schlüsselfigur, zunächst in Peru, wo er in der von Papst Franziskus zu diesem Zweck eingesetzten Kommission mitwirkte. Die Forschung wird zudem seine juristische, menschliche und spirituelle Bedeutung sowie seine tadellose Regierungsführung deutlich machen.

Die Untersuchung zeigt dann, dass Prevost von Franziskus eingesetzt wurde, um diese Aufgabe vom Dikasterium der Bischöfe aus voranzutreiben, damit die Angelegenheit letztendlich geklärt würde.

Die Schlussfolgerungen hinsichtlich der Missbräuche

Zu den Schlussfolgerungen dieser Arbeit gehören die während des Pontifikats von Papst Franziskus in Priesterseminaren und Noviziaten durchgeführten Studien, die sich mit dem Kern der Problematik auseinandersetzten. Für den Autor liegt das Problem im Zölibat; für Papst Franziskus war es wesentlich, Priesteramtskandidaten bei der Entdeckung und Bereitstellung spiritueller Begleitung zu unterstützen und dabei die Bedeutung persönlicher Beziehungen in der geistlichen und menschlichen Fürsorge als menschliche und zugleich übernatürliche Beziehung zu betonen, die Gott verherrlichen und niemals zum Instrument des Egoismus des Priesters oder des anderen werden soll.

Andererseits ist klar, dass die vom Heiligen Stuhl verurteilten und in “Libertatis nuntius” (1984) dargelegten Befreiungstheologien einen schweren Irrtum in der Seelsorge mancher Geistlicher und Ordensleute darstellten, da sie nicht auf Nächstenliebe, sondern auf einem bestimmten Gerechtigkeitsverständnis beruhten und vor allem Gewalt legitimierten. Die Aufgabe, weltliche Strukturen zu verändern, obliegt gewiss nicht der katholischen Kirche, sondern vielmehr der Heranbildung von Christen, die christliche Tugenden, insbesondere Nächstenliebe und Gerechtigkeit, leben und mit der Justiz zusammenarbeiten, um Korruption anzuprangern. Das heißt, die Soziallehre der Kirche, wie sie im Katechismus der Katholischen Kirche dargelegt ist, zu leben. Die Irrtümer des Opus Dei wurzeln in seiner marxistischen Geschichtsauffassung, seiner Auffassung von Hass und Klassenkampf als treibende Kraft der Geschichte und seinem Unglauben daran, dass Menschen aus Liebe zu Gott handeln können.

Der Hirte und die Wölfe

AutorSantiago Rocagliolo
Leitartikel: Seix Barral
Seiten: 330
Veröffentlichung2026, Barcelona
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