In diesem Interview analysiert der Franziskanerkardinal François Bustillo, Bischof von Ajaccio (Korsika), die tiefen Spaltungen der westlichen Gesellschaft und schlägt deren Heilung durch ein umfassendes Beziehungsprojekt vor. Um dies zu erreichen, plädiert er für die Abschaffung des “Gerichts” des Verdachts und der Online-Beschämung. Diesem digitalen Wahn stellt er die Stille und die besonnene Distanz der klösterlichen Tradition gegenüber, die eine ruhige und angemessene Beurteilung ermöglicht.
Bustillo fordert einen Perspektivenwechsel, der den Individualismus durch das Gemeinwohl ersetzt – den Anderen als Verbündeten und nicht als Bedrohung zu sehen – und verlangt eine Ausübung politischer und kirchlicher Autorität, die auf Demut und Zuhören beruht und Unterschiede in einen kollektiven Reichtum verwandelt, der den gemeinsamen Wiederaufbau des beschädigten sozialen Gefüges ermöglicht.
Du hast gerade gepostet Reparatur. Kann eine zerrüttete Gesellschaft überleben?, Es geht darum, wie man eine gespaltene Gesellschaft heilen kann. Was ist die These des Buches?
Ganz einfach: Ich teile Max Webers Ansicht vom Beginn des 20. Jahrhunderts, dass wir in einer “entzauberten Welt” leben. Ich kann nicht einfach nur feststellen, dass es der Welt und der Gesellschaft schlecht geht, oder eine Liste all ihrer Missstände erstellen. Mein Ziel – weil ich gläubig bin und an die Auferstehung glaube – ist es, aufzuzeigen, wie sich unsere Gesellschaft verbessern kann. Und vielleicht müssen wir in diesem Sinne anerkennen, dass wir in unserer westlichen Gesellschaft die Werte und Prinzipien des Evangeliums vernachlässigt haben.
Deshalb schlage ich in diesem Buch auf einfache und direkte Weise eine Rückbesinnung auf Prinzipien vor, die heute nicht mehr gelebt werden, unserer Gesellschaft aber Kraft und Stabilität verleihen: Liebe, Vergebung, Nicht-Richter, Nicht-Verurteiler, Geben. Für mich sind diese Prinzipien des Evangeliums nicht bloße Poesie; sie sind das Fundament einer besseren, einer evangelisierten und, weil sie evangelisiert ist, einer zivilisierten Gesellschaft.
Im ersten Teil des Buches weist er darauf hin, dass wir Politiker und einfache Leute in den sozialen Medien dämonisieren.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir ganz beiläufig über soziale Medien und die Macht der Medien Kontroversen schüren: “Er hat es gesagt, er hat es nicht gesagt, ich stimme zu, ich stimme nicht zu…”. Ich glaube, dass unsere Gesellschaft an diesem Punkt eine Selbstreflexion verdient und braucht.
Das Mediensystem, insbesondere die sozialen Medien, vermittelt eine sehr simple Botschaft, die auf rudimentären Prinzipien beruht. Es herrscht eher die Mentalität eines Richters als die eines Philosophen vor. Menschen urteilen und verurteilen, ohne Fakten oder Argumente zu kennen, anstatt wie Philosophen zu handeln, die bei Problemen durch Nachdenken und nicht durch Emotionen nach Lösungen suchen.
Wir sind schließlich Menschen, keine Roboter. Emotionen sind wichtig, das stimme ich zu, doch es mangelt an Reflexion. Wir müssen uns die Zeit nehmen, Argumente genauer zu prüfen und nicht impulsiv und oft unfair zu reagieren.
Welche Szenen aus dem Evangelium sollten wir in diesem Sinne besonders berücksichtigen, um die christliche Position zu diesen Fragen zu verstehen?
„Wenn ich bestimmte Passagen aus dem Evangelium zitiere, dann deshalb, weil Jesus uns vor zweitausend Jahren letztlich zur Vorsicht mit unseren Urteilen aufgerufen hat. Wenn wir beispielsweise die Ehebrecherin sehen, sind die Gesetzeshüter bereits gerüstet; sie haben sie bereits verurteilt. Jesus entwaffnet uns mit unserer Fähigkeit zu urteilen und zu verurteilen, ohne alles zu wissen. Er fragt uns, wer ohne Sünde ist. Es scheint, als lebten wir in einer Gesellschaft, in der es auf der einen Seite die Reinen und Vollkommenen und auf der anderen Seite alle anderen gibt. Dieser Dualismus ist gefährlich für unsere Gesellschaft, denn nicht alles ist schwarz oder weiß, weder in der Gesellschaft noch in unserem Leben.“.
Wir sehen auch andere Stellen aus dem Evangelium, etwa die Geschichte von Johannes dem Täufer und Herodias' Tochter: “Ich will den Kopf von Johannes dem Täufer auf einem Tablett.” Auch heute fordern viele den Kopf anderer, und das ist gefährlich. Einerseits ist es leicht, “jemandes Kopf zu fordern”, nur weil wir ihn nicht mögen oder weil er anderer Meinung ist. Andererseits steinigen wir heute vielleicht nicht mehr mit Steinen, sondern mit Büchern, Tweets und Worten. Oft verletzen wir mit unseren Schriften die Würde anderer. In einer rauen und gewalttätigen Gesellschaft müssen wir die Werte des Evangeliums wiederentdecken, um ein friedliches Zusammenleben wiederherzustellen.
«Wir müssen uns die Zeit nehmen, bestimmte Argumente eingehender zu prüfen und nicht impulsiv und oft unfair zu reagieren.»
Kardinal François-Xavier BustilloBischof von Ajaccio
An diejenigen, die sich beruflich dieser Welt der Netzwerke verschrieben haben, an die digitalen Missionare: Welche Botschaft würden Sie ihnen übermitteln?
Soziale Medien sind an sich schön. Wir sollten sie aber weder vergöttern noch verteufeln. Sie sind ein Mittel zum Zweck: eine Botschaft zu verbreiten.
Wir können positive oder negative Botschaften verbreiten. Mir ist aufgefallen, dass in Frankreich viel Evangelisierung über soziale Medien stattfindet. Viele junge Menschen, die sich heute in Frankreich bekehren und das Evangelium leben wollen, tun dies über soziale Medien.
Wir müssen bedenken, wie leicht jüngere Generationen soziale Medien nutzen, und deshalb müssen wir auch dort aktiv werden. Es gibt Risiken; sie können missbraucht werden, aber vielleicht müssen wir auch hier unsere Denkweise ändern und soziale Medien nicht nur für Verurteilungen nutzen, weil wir oft hart sind, sondern auch für Segenswünsche.
Am Ende der Messe, am Ende der Feierlichkeiten, wird der Segen gesprochen. Und etymologisch gesehen…, benedire Es geht darum, sich “gut auszudrücken”. Ich denke, es ist eine besondere Herausforderung für unsere Gesellschaft: Worte zu finden, die nicht naiv sind, sondern Gutes über andere aussagen. Wir sind sehr schnell dabei, Schlechtes zu sagen, aber sehr zögerlich, Gutes zu sagen, und wir sind nicht sehr frei in unserer Ausdrucksweise.
Manche mögen bestimmte Botschaften der Kirche zum Thema Frieden oder Einwanderung als naiv empfinden. Was denken Sie darüber?
—Ich habe vor einiger Zeit in einem Interview in Frankreich darüber gesprochen, vielleicht etwas zu forsch. Wir leben in einer Gesellschaft, die eine übermäßige Vereinfachung des Systems predigt. mag Von Facebook. Wir stehen uns gegenüber und belegen uns ständig gegenseitig mit Etiketten: Ich bin rechts, links, modern, altmodisch, was auch immer… Immer nur Etiketten.
Wir laufen Gefahr, in ein Stammesdenken zu verfallen, in dem wir die Unsrigen schützen und Andersartige angreifen. Die katholische Kirche hat eine universelle Botschaft. Darin liegt die Einzigartigkeit und Kraft der katholischen Kirche.
Wir gehören keinem elitären Zirkel der Reinen und Perfekten an, in dem wir die Unsrigen schützen und die Anderen kritisieren. Der universelle Aspekt überwindet Grenzen. Ich glaube, dass wir in unserer westlichen Gesellschaft eine Form des Katholizismus vergessen haben.
Vielleicht neigen wir im weltlichen, nicht-katholischen Sinne dazu, zu urteilen und zu verurteilen und uns gegeneinander auszuspielen. Wir Katholiken müssen uns darüber erheben. Nicht weil wir besser sind, sondern weil wir ein starkes Ideal haben. Wenn wir diesem Ideal nicht folgen, verfallen wir leicht einer Ideologie, denn wir alle haben Vorstellungen: Wir wollen etwas Gutes, ein edles Ideal, aber wir können in eine Ideologie abgleiten. Ideologie ist herzlos. Davor müssen wir uns hüten. Die Kirche hat eine einzigartige Botschaft, die uns von Etiketten befreit. Jesus spricht mit apostolischem Herzen.
Wir Christen sind keine Klone. Wer hätte Matthäus, einen Zöllner, und Simon den Zeloten, einen Nationalisten, zusammenbringen können? Niemand, nur Jesus. Jesus und die Kirche haben die Aufgabe, Menschen zusammenzuführen, die vielleicht nicht dieselben Ideen oder Visionen teilen. Unsere Unterschiede bedeuten nicht, dass wir Feinde sind. Leider wird heutzutage aus Unterschieden und Verschiedenheiten leicht Spaltung. Wir müssen vorsichtig sein.
Wie können wir vermeiden, in kontroverse Fragen oder solche, die möglicherweise falsch interpretiert wurden, beispielsweise in einigen Fällen im Zusammenhang mit der Seelsorge für homosexuelle Menschen, in diese Spaltung zu geraten?
Es gibt heikle und schwierige Fragen, denn einerseits ist das Ideal der Kirche ganz klar: Die Ehe ist die Verbindung zwischen Mann und Frau. Was die Lehre zur Homosexualität betrifft, haben wir Amoris laetitia.
Wir erleben gerade, beispielsweise in Frankreich, eine Realität mit Katechumenen, insbesondere jungen Menschen, die zur Kirche kommen; viele bringen eine emotionale Vergangenheit mit, die von der Kirche nicht aufgearbeitet wurde. Ich glaube – ohne Naivität oder Idealismus –, dass wir eine Zeit durchleben werden, die mir normal erscheint, in der diejenigen, die sich der Kirche nähern, dies mit ihrer Geschichte tun; sie sind in vielen Fällen die verlorenen Schafe. Ich sehe es in Frankreich: Menschen in ihren Zwanzigern oder Vierzigern, die aus einer anderen Welt kommen, die keine religiöse Erziehung genossen haben, Jesus Christus nicht kennen, das Evangelium nicht kennen und den Katechismus nicht gelernt haben. Alles, was für uns einst «normal» und selbstverständlich war, dank Erziehung und Katechismusunterricht, fehlt ihnen.
Wie können wir Menschen willkommen heißen, die einerseits nicht puritanisch eingestellt sind, andererseits aber das Ideal des Evangeliums nicht trivialisieren? Wie begleiten wir diese Menschen? Zum Beispiel Geschiedene oder Paare, die unverheiratet zusammenleben und plötzlich um die Taufe bitten. Was tun wir? Prüfen wir ihre Pässe, um ihre Reinheit und Unschuld festzustellen, und weisen wir sie ab? Sagen wir, alles sei in Ordnung, es spiele keine Rolle? Ich glaube, die Weisheit der Kirche liegt auch in der Seelsorge. ad personam.
Anders gesagt, wir müssen die individuellen Umstände jedes Einzelnen berücksichtigen und das Kirchenrecht sowie die Moralvorstellungen verstehen. Wir müssen uns dann fragen: Was ist Kirchenrecht? Was ist Moral? Wo liegt das Gute für diesen Menschen? Und hier befinden wir uns in einer heiklen Phase der Anpassung. Wir schaffen nun ein neues Fundament, das es in Frankreich nicht gibt, damit Kinder von Kindheit an eine Erziehung erhalten und lernen, was richtig und was falsch ist, welche Prinzipien gelten und so weiter.
«Wir laufen Gefahr, in ein Stammesdenken abzurutschen, in dem wir die Unsrigen schützen und diejenigen angreifen, die nicht so sind wie wir. Die katholische Kirche hat eine universelle Botschaft.»
Kardinal François-Xavier BustilloBischof von Ajaccio
In seinem Buch spricht er über Bildung. Es gibt jedoch einige katholische Schulen, in denen die dogmatische, moralische und sakramentale Bildung kaum Beachtung findet, die soziale Bildung hingegen schon.
—Ich glaube, das ist Teil der Größe der katholischen Kirche, dass es in ihr sowohl progressive als auch konservative Tendenzen gibt. Das bewahrt uns vor einer Form von Sektierertum.
Es wird immer einen Teil der katholischen Gesellschaft geben, der sagt: “Wir müssen so sein”, “Wir brauchen ein klareres Verständnis von Lehre und Moral”. Und andere, die sagen: “Wir müssen offener sein.” Was wir unbedingt vermeiden müssen, ist das, was wir im leidvollen Frankreich erlebt haben: einen Teil, der sich von der Kirche abspaltet und vier Bischöfe ohne päpstliches Mandat weiht.
Am 8. Mai 2025, dem Tag seiner Wahl zum Papst Leo XIV., sprach er auf dem Balkon des Petersdoms von Einheit und Frieden. Wie können wir innerhalb der Kirche für Einheit und Frieden wirken? Wie können wir jegliche Form von Leid verhindern, die uns spaltet?
Dass es innerhalb der Kirche unterschiedliche Strömungen gibt, ist für mich kein Problem. Wichtig ist, dass sie nicht dogmatisch wird, wie es in Frankreich in den 70er, 80er und 90er Jahren geschah, als einige, die sich selbst als modern und aufgeschlossen betrachteten, dies so interpretierten, dass jeder tun könne, was er wolle, und dass eine Stola alles sei, was man zur Feier der Messe brauche. Seit 2010 gibt es eine andere Gruppe, die sich ins entgegengesetzte Extrem bewegt hat.
Wie können wir diese Spaltungen vermeiden? Manchmal sage ich denen, die starrköpfiger sind, sie sollen vorsichtig sein, damit sie nicht in 40 Jahren die gegenteilige Reaktion zeigen und die Priester wieder so feiern wie in den 70er Jahren.
Wie können wir mit der Intelligenz, Weisheit und Erfahrung der Geschichte diese Extreme vermeiden? Wie konnten wir die Spaltung der Kirche in Frankreich im vergangenen Juli verhindern? Ich glaube, dass die Kirche in Frankreich heute ein recht gesundes Gleichgewicht angestrebt hat.
In seinem Buch spricht er viel über den Wandel, den wir – Gläubige wie Nichtgläubige – vollziehen müssen, um eine gesellschaftlich verantwortungsvollere Weltsicht zu entwickeln. Beinhaltet diese Wandlung auch die Beichte?
—Beichten ist in Frankreich jetzt in Mode. Wir haben ein Coach Ob es ums Essen, um Sport, um die öffentliche Meinung geht … um alles. In Frankreich wird die Beichte als jener intime Raum wiederentdeckt, in dem man als Mensch wächst.
Viele konzentrieren sich in der Beichte ausschließlich auf den moralischen Aspekt und nicht auf den spirituellen: auf die Beziehung zu Gott, das innere Wachstum, die persönliche Weiterentwicklung… Genau das scheint an der Beichte am interessantesten zu sein. Wir müssen dieses Sakrament als einen Raum entdecken, in dem wir spirituell wachsen und uns bemühen, im Einklang mit unserem Glauben zu handeln.
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